Montag, 25. Juni 2001

Das Champions League-SPEZIAL

Zum Champions League-Spezial

Mit südländischem Temperament feierte München seine Lieblinge. Zehntausende FC Bayern-Fans haben in der Nacht zum Donnerstag den Verkehr in Teilen der Landeshauptstadt zum Erliegen gebracht.

"Im Endeffekt ist die Innenstadt total zu, da geht nichts mehr", sagte ein Sprecher der Münchner Polizei und fügte hinzu: "Das wird auch noch länger so bleiben". Unmittelbar nach dem 5:4-Sieg im Elfmeterschießen über den spanischen Club FC Valencia (nach Ende der Verlängerung stand es 1:1) stürmten zehntausende Anhänger auf die Leopoldstraße und sangen "We are the Champions".

Hupend und mit Bayern-Fahnen bestückt fuhren Autos im Schritt-Tempo auf der rund zwei Kilometer langen Straße im Herzen Münchens. Am Himmel leuchteten Feuerwerkskörper. Aus fast allen Münchner Bars drangen bei angenehm sommerlichen Temperaturen Gesänge wie "Ole, FCB" oder "Oh, wie ist das schön". Bereits am frühen Abend waren Lokale und Biergärten, die das Spiel übertrugen, vollkommen überfüllt. "Das ist der größte Triumph seit 25 Jahren", freute sich der 25-jährige Philip Neukirchen, der unmittelbar nach Ende des Finales in die Leopoldstraße gekommen war. "Allein diesen dreimaligen Rückstand wieder aufzuholen, das ist absoluter Wahnsinn".

Der CL-Krimi
In einem unglaublichen Elfer-Thriller sicherten sich die Münchner vor 74.000 Zuschauern im ausverkauften Meazza-Stadion von Mailand den begehrtesten Pokal im europäischen Klub-Fußball. 1:1 war es nach 120 Minuten im Finale der Champions League gegen den CF Valencia gestanden, im Elfmeterschießen (5:4) wurde Oliver Kahn zum Helden. Der Bayern-Torhüter parierte drei Elfmeter, darunter den entscheidenden 17. von Pellegrino.

"Gott ist ein Bayer", hatten deutsche Zeitungen nach der glücklich gewonnenen Meisterschaft geschrieben, nun sahen sich die Gazetten bestätigt. Nach dem Meistercup-Hattrick von 1974, 75 und 76 und zwei Jahre nach der bittersten Niederlage der Vereinsgeschichte im Finale von Barcelona gegen Manchester United triumphierte der deutsche Rekordmeister erstmals in der Champions Leauge. In einer denkwürdigen Partie, die mit 1999, als die Bayern in der Nachspielzeit mit 1:2 verloren, den Vergleich nicht scheuen brauchte.

Drei Elfmeter in der regulären Spielzeit
Von der Trefferausbeute konnte das Finale in der Königsklasse zwischen den Final-Verlierern von 1999 (Bayern) und 2000 (Valencia) mit jenem im UEFA-Cup (5:4 für Liverpool gegen Alaves) nicht mithalten, an Spannung aber allemal. Mendieta (3.) bzw. Effenberg (50.) hatten in der regulären Spielzeit zwei Handelfmeter verwertet, Scholl einen Foulelfmeter vergeben (7.). Und im Elfmeterschießen wuchs Kahn einmal mehr über sich hinaus. Die Bayern begannen mit einem Fehlschuss (Sergio), doch Kahn hielt das Team mit Paraden gegen Zahovic und Carboni im Spiel. Nachdem Linke den insgesamt 16. Elfer verwertet hatte, behielt der Bayern-Goalie im Duell mit dem Argentinier Pellegrino die Nerven.

Wer, wie viele Experten, ein über 90 Minuten von Taktik geprägtes Spiel erwartet hatte, den erlöste Schiedsrichter Dick Jol schon nach 1:20 Minuten. Der Niederländer sah bei einem Getümmel im Bayern-Strafraum ein Handspiel des am Boden liegenden Andersson und gab Elfmeter. Eine mehr als harte Entscheidung, doch Mendieta nahm das Geschenk an. Der Valencia-Kapitän verwertete mit einem Flachschuss ins linke Eck sicher (3.).

Beim ersten Elfmeterpfiff standen die Spanier, die auf dem Weg ins Finale den FC Tirol (0:0 und 4:1) sowie Sturm Graz (2:0 und 5:0) eliminiert hatten, noch das das Glück zur Seite. Auch beim nächsten Penalty nur vier Minuten später. Nach einer ungestümen Attacke von Angloma an Effenberg im Strafraum entschied Jol, diesmal völlig zu Recht, wieder auf Strafstoß, doch Scholl hatte nicht die Nerven. Er schoss mitten aufs Tor und direkt Canizares an, vom dem der Ball über das Tor sprang.

Die Bayern setzten aber sofort nach. Von Effenberg im Zentrum sowie Lizarazu und Salihamidzic auf der linken Seite angetrieben, übernahm sie das Kommando, drückte Valencia weit zurück und zeigte die Schwächen der Defensive auf. Doch der letzte Pass kam nicht an.

Goldenes Händchen von Hitzfeld
In der Pause allerdings hatte Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld eine goldene Hand. Er brachte den Ex-Rapidler Carsten Jancker für Sagnol, und der lange Stürmer brachte nur wenig später den Umschwung. Bei einer hohen Flanke von Elber in den Strafraum bedrängte Jancker seinen Bewacher Carboni, der im Luftkampf mit der Hand den Ball traf. Jol zögerte keine Sekunde, neuerlich auf den Punkt zu zeigen. Effenberg übernahm die Verantwortung und verwertete den Elfmeter sicher zum 1:1-Ausgleich (50.).

Damit begann das Spiel praktisch neu und so, wie es schon von Beginn weg befürchtet worden war. Es regierte die Taktik, die Sicherheit, die Defensive. Es begann das Warten auf den einen entscheidenden Fehler des Gegners. Vergeblich. Zahovic, der gegen Torhüter Kahn den kürzeren zog (88.), Jancker mit einem Fernschuss in der Nachspielzeit hatten jeweils die Chance zur Entscheidung in der regulären Spielzeit. Auch in der Verlängerung gingen beiden Teams leer aus, also musste ein Eflmeter-Krimi entscheiden. Mit dem besseren Ende für die Bayern.

80 Millionen Siegesprämie für die Bayern
Unter dem Jubel der 23.000 deutschen Fans musste der spanische König Juan Carlos dem deutschen "Kaiser" Franz Beckenbauer zum Erfolg gratulieren. Kein Gedanke an die rund 80 Mio. S Siegesprämie, als Stefan Effenberg den Pokal in die Höhe stemmte.

Für Valencia-Trainer Hector Cuper, der Valencia verlässt, ein trauriger Abschied und die Fortsetzung seines Final-Traumas. Der 45-järihge Argentinier war vor zwei Jahren mit Real Mallorca (gegen Lazio Rom) im Cupsieger-Finale und im Vorjahr mit Valencia in der Champions League mit 0:3 an Real Madrid gescheitert. Nun verabschiedet sich Cuper, nicht immer der Liebling der Fans, ohne den ganz großen Triumph aus Valencia.

25.6.2001 10:15