Samstag, 23. Juni 2001

Flüssiges von Hawaii oder aus Tasmanien im Angebot

Wenn der Pariser Juwelier Cyrille de Foucaud in seinem Stammbistro in der Rue de Saint-Honore zu Mittag isst, greift er statt zum Wein lieber zum Wasser. Er hat bereits Schweizer Wasser mit hohem Mineralstoffgehalt gekostet, Quellwasser von einem Vulkan auf Hawaii und tasmanisches Wasser aus reinsten Regentropfen getrunken, seinen Durst mit schottischem Wasser, das in Flaschen in Kiltform abgefüllt ist, und mit "Playboy"-Wasser mit Bunnys auf dem Gebinde gelöscht.

An die 100 Sorten Mineralwasser hat der Geschäftsmann bei Gänseleber oder Ziegenkäsesalat bereits durchprobiert - denn die Pariser "Waterbar de Colette" ist sein Lieblingsbistro. "Wasser ist an sich die einfachste Sache der Welt, und trotzdem ist es faszinierend und jedes Mal anders", sagt der junge Geschäftsmann.

Exakt 97 Sorten Mineralwasser und nur sieben Sorten Wein stehen bei "Colette" auf der Karte - in Frankreich ein durchaus gewagtes Verhältnis. Denn während "Waterbars" in den Wellness süchtigen USA schon seit Jahren Erfolg haben, gehört in Frankreich des Mittags noch immer ein Bordeaux auf den Tisch. Vier Jahre nach Eröffnung kann sich die Bilanz der "Waterbar de Colette" in Paris dennoch sehen lassen.

Stammgäste und Laufkundschaft reißen sich um das schlichte Getränk, das Angebot wurde inzwischen verdreifacht. Stilles und sprudelndes, salzhaltiges und "mikrobiologisch reines" Wasser finden sich auf der Karte, Wasser aus Frankreich, Österreich, Deutschland, Spanien, aus Japan, Martinique, Südafrika und Australien. Pur oder mit Fenchel-Koriander-Geschmack angereichert, Wasser, das angeblich Diäten beschleunigt, und Wasser, das Sportlern besonders viele Elektrolyte liefert.

Stammgäste erkennen Sorte am Geschmack
"Wir haben Stammgäste, die tatsächlich in der Lage sind, die Sorten an ihrem Geschmack zu erkennen", behauptet die Vorstandsassistentin Lili. Aber eigentlich komme es mehr auf den Spaß an. "Die Gäste finden es witzig, hier ein Wasser wiederzusehen, das sie auf einer Auslandsreise getrunken haben. Und uns macht es Spaß, diese Wasser überhaupt zu entdecken."

Von eigenen Reisen bringen die Mitarbeiter ständig neue Ideen mit. Dabei seien die exotische Herkunft des Wassers und das Design der Flasche, in der es abgefüllt ist, entscheidender als der Geschmack: "Wenn die Flasche toll aussieht, ist uns der Geschmack total egal". Den Gästen müsse halt immer wieder etwas Überraschendes präsentiert werden, sagt Lili.

In diesem Stil führt das Unternehmen auch seine anderen Geschäftsbereiche. Im Erdgeschoss findet sich sündhaft teures Dekor für alle Lebenslagen, ein Stockwerk höher locken Luxussandalen von Christian Dior und Designerkollektionen in Jeans und Leder.

Im Vergleich zu den Angeboten in den oberen Etagen nehmen sich die Preise in der "Waterbar" zivil aus. Umgerechnet knapp 32 Schilling (2,33 Euro) für ein Glas Wasser oder das Doppelte für eine Flasche bewegen sich für Pariser Verhältnisse absolut im Rahmen. Wieviel Mineralwasser im "Colette" über den Tresen geht, verrät die Geschäftsleitung nicht. Die Gewinnspanne sei aber ohnehin nicht besonders hoch, sagt Lili.

Frankreich schwimmt zur Zeit auf "Wasserwelle"
Dabei verkauft die "Waterbar" auch zunehmend außer Haus. Erst kürzlich hätten Kunden einem Freund zu seinem 40. Geburtstag 40 Flaschen Wasser aus aller Herren Länder gekauft, erzählt Lili. Das Weinland Frankreich schwimme derzeit auf einer wahren "Wasserwelle". Auch Stammgast de Foucaud nimmt sich hin und wieder eine besonders gediegene Flasche mit nach Hause. Doch bei aller Begeisterung für extravagante Flaschenformen und exotische Quellen - wenn es um sein Lieblingswasser geht, gibt es für den Juwelier letzlich nur eines: Frankreichs Allerweltsmarke Evian.

23.6.2001 07:23