Freitag, 22. Juni 2001

Schulden der ÖIAG um 10,6 Mrd. reduziert

Mit dem heute Nacht beschlossenen Verkauf des restlichen Staatsanteils an der Austria Tabak AG (41,13 Prozent) um 10,6 Mrd. S als "vorläufig letzten Privatisierungsakt" reduziert sich der Schuldenstand der ÖIAG auf 28 Mrd. S.

Finanzminister Karl-Heinz Grasser bezeichnete den Deal mit dem britischen Tabakkonzern Gallaher als "Musterbeispiel einer Privatisierung", die die Steuerungsfunktion für den Standort Österreich erhalte und positive Perspektiven auch für mehr Jobs in Österreich eröffne.

Der Zeitpunkt für den AT-Verkauf ist "optimal" Vorwürfen an einem "Ausverkauf" hielt der Finanzminister entgegen, dass im Rahmen des IPO im Jahre 1997 49,5 Prozent des Tabakunternehmens für 5,5 Mrd. S verkauft worden seien. Jetzt erlöse die ÖIAG für 41,1 Prozent rund 10,6 Mrd. S. "Das macht klar ersichtlich, wer mit dem Geld umgehen kann," so der Minister.

ÖIAG-Vorstandssprecher Johannes Ditz zeigte sich heute erfreut darüber, dass die Stabilisierung der ÖIAG gelungen sei. Die Beteiligungsholding sei erstmals wieder in einem Zustand, "wo die Zinsen nicht mehr höher sind als die Dividenden".

"Etwas befremdet" zeigte sich ÖIAG-Vorstandssprecher Johannes Ditz über diverse "Ferndiagnosen" zum Thema Privatisierung: Wenn er, Ditz, einmal von einem Problem spreche, sei gleich von einem "ungeheuren Chaos" die Rede. "Zurück zu den Fakten, bitte", forderte Ditz.

AT-Management ist zufrieden
Das Management der Austria Tabak (AT) zeigte sich mit der Entscheidung der ÖIAG heute zufrieden. "Aus heutiger Sicht sehen wir mit dem neuen Partner Gallaher den Erhalt der Arbeitsplätze in Österreich weitgehend gesichert", so der AT-Vorstand. Den Streubesitzaktionären der AT will Gallaher bei einem Übernahmeangebot ebenso viel bieten wie der ÖIAG gezahlt wird, also 85 Euro je Aktie.

Gallaher zählt zu den größten europäischen Zigarettenherstellern und ist Marktführer in Großbritannien, Irland, Russland und der Republik Irland, wo die Gruppe auch Produktionsstätten betreibt. Zum Sortiment von Gallaher gehören Marken wie Benson and Hedges oder Silk Cut. Die Gruppe hat im Jahr 2000 einen Umsatz (vor indirekten Steuern) von rund 100 Mrd. S erzielt und beschäftigt rund 4.500 Mitarbeiter. Die Aktien des Unternehmens sind in London und New York notiert.

Austria Tabak, an der Wiener Börse notiert, erzielte im Jahr 2000 einen konsolidierten Konzernumsatz von 51,4 Mrd. S (3,7 Mrd. Euro), eine Steigerung um 9,2 Prozent. Der betriebliche Cash Flow (EBITDA) stieg um 15,8 Prozent auf knapp 4 Mrd. S, der Betriebserfolg (EBIT) um 17,8 Prozent auf 2,7 Mrd. S und das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) um 17,3 Prozent auf 2,7 Mrd. S. Im ersten Quartal 2001 beschäftigte der Austria-Tabak-Konzern durchschnittlich 3.636 Mitarbeiter.

Gallaher dann auf Platz 4 in Westeuropa
Gallaher verbreitert durch den Einstieg bei Austria Tabak seine internationale Basis und steigt zum viertgrößten Zigarettenhersteller in Westeuropa nach Philip Morris, BAT und Altadis auf. Das gemeinsame Pro-forma-Produktionsvolumen der beiden Konzerne hätte im Jahr 2000 in Westeuropa rund 71 Mrd. Zigaretten und weltweit rund 120 Mrd. Stück betragen. Beide Unternehmen ergänzen sich nach Ansicht des Austria Tabak-Vorstands nicht nur in ihren regionalen Marktpositionen ideal, sondern auch hinsichtlich der produzierten Marken.

Heftige Kritik vom ÖIAG-Betriebsrat
Heftige Kritik an der "Nacht und Nebel-Aktion" der ÖIAG-Spitze beim Verkauf der Austria-Tabak übten die ArbeitnehmerInnenvertreter und verließen in der vergangenen Nacht die Sitzung des ÖIAG-Aufsichtsrates.

"Die Betriebsräte in der ÖIAG-Gruppe haben erst vergangene Woche in einem offenen Brief an Bundeskanzler Schüssel und Finanzminister Grasser auf das unprofessionelle Vorgehen in den Organen der ÖIAG hingewiesen", stellt Helmut Oberchristl, Vorsitzender der ARGE-ÖIAG, fest.

Edlinger: "Ausverkauf der Wirtschaft"
"Der Ausverkauf der heimischen Wirtschaft ans Ausland setzt nun voll ein. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde mit der Austria Tabak ein Flaggschiff der heimischen Wirtschaft mit Billigung der Bundesregierung unwiederbringlich in einen ausländischen Hafen geführt."

"Das wäre nicht nötig gewesen, es hätte bessere Strategien gegeben", kommentierte SP-Budgetsprecher Rudolf Edlinger den Verkauf der Austria Tabak-Anteile. Weiters spricht Edlinger davon, dass Finanzminister Grasser Versprechen gebrochen und ÖIAG-Vorstandssprecher Ditz auch die Parlamentarier getäuscht habe.

22.6.2001 15:12