Freitag, 22. Juni 2001

Ukraine-Besuch wird zum ökumenischen Drahtseilakt

Papst Johannes Paul bricht am morgigen Samstag zu seiner fünftägigen Reise in die Ukraine auf. Bei dieser 94. Auslandsreise seines Pontifikats vom 23. bis 27. Juni besucht er die ukrainische Hauptstadt Kiew und die westukrainische Metropole Lemberg (ukrainisch Lwiw/polnisch und russisch Lwow), einstiges Zentrum des österreichischen Kronlandes Galizien.

Höhepunkte der Reise werden laut Kathpress die beiden Gottesdienste in lateinischem und byzantinischem Ritus in Lemberg sein, bei denen Johannes Paul II. Opfer der Kirchenverfolgung durch das Sowjetregime unter Stalin und durch die deutschen Nationalsozialisten selig sprechen wird.

Zu den beiden Papst-Gottesdiensten werden eine halbe bis eine Million Menschen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion erwartet. Mit großer Aufmerksamkeit wird die Begegnung am Sonntagnachmittag mit Repräsentanten des Allukrainischen Rates der Kirchen und Religionsgemeinschaften verfolgt werden. Der Kiewer Metropolit Wolodymyr, Oberhaupt der ukrainisch-orthodoxen Mehrheitskirche des Moskauer Patriarchats, hat angekündigt, diesem Treffen fernzubleiben, weil daran der schismatische Ex-Metropolit Filaret teilnehmen soll, der 1992 ein von der Weltorthodoxie nicht anerkanntes "Kiewer Patriarchat" errichtet hat.

Das Großerzbistum Lemberg ist die Hochburg der rund fünf Millionen Gläubige zählenden ukrainisch-katholischen (unierten) Kirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Orthodoxie zwangsvereinigt und erst 1989 wieder zugelassen wurde. Der Papst wird den römisch-katholischen Priester Zygmunt Horasdowski (1845-1920) selig sprechen. Er gründete in Lemberg mehrere Häuser und Hilfsstellen für Arme, Obdachlose, allein stehende Mütter in Not und Waisenkinder. Zudem rief er eine Schwesterngemeinschaft ins Leben, die seine Sozialinitiativen unterstützte und fortführte.

Am Dienstagnachmittag wird der Papst das im Bau befindliche Gebäude für eine katholische Universität segnen, ebenso den Grundstein für ein neues Priesterseminar samt theologischer Ausbildungsstätte. Um 17.30 Uhr steht eine Begegnung des Papstes mit der Jugend auf dem Programm. Zu der Veranstaltung auf einem Platz im Lemberger Stadtteil Schykow werden mehrere Hunderttausend Jugendliche erwartet. Am Mittwoch spricht der Papst 28 Märtyrer der griechisch-katholischen Kirche selig. Es handelt sich dabei überwiegend um Opfer der stalinistischen Christenverfolgung, darunter sieben Bischöfe, zwölf Priester und drei Ordensfrauen.

Unter den Märtyrern und künftigen Seligen ist der Priester Omeljan Kowtsch. 1943 wurde er von den deutschen Nazimachthabern im KZ Majdanek ermordet. Grund dafür war sein Einsatz für verfolgte Juden.

Er trete seine Ukraine-Reise "mit großer Hoffnung" an, sagte der Papst. Dabei folge er den Spuren der ersten Missionare Kyrill und Method, die am Ende des ersten Jahrtausends das Evangelium in jenem Teil Europas verkündet hätten. Seit damals sei die Geschichte dieser Völker untrennbar mit dem Christentum verbunden.

22.6.2001 10:38