Freitag, 22. Juni 2001

Ein Dutzend Polizisten verletzt

In der nordirischen Hauptstadt Belfast haben sich die Zusammenstöße in der Nacht zum Freitag fortgesetzt. Erneut seien auch Schüsse auf die Polizei abgegeben worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Mindestens ein Dutzend Beamte seien verletzt worden.

Trotz der Unruhen äußerte sich der Chef der pro-irischen Partei Sinn Fein, Gerry Adams, in Washington optimistisch über die Fortschritte des Friedensprozesses. "Am Ende wird der Prozess Erfolg haben", sagte er nach einem Treffen mit Abgeordneten des US-Kongresses. In der Nacht zum Donnerstag war es in Belfast zu den schwersten Unruhen seit Jahren gekommen. 39 Polizeibeamte wurden verletzt.

Die Unruhen nahmen Augenzeugen zufolge in der Nacht zum Freitag nicht dasselbe Ausmaß an wie am Vorabend. Katholische und protestantische Jugendliche hätten die Polizei jedoch erneut mit Benzinbomben, Steinen, Feuerwerkskörpern und Golfbällen beworfen. In dem Belfaster Stadtviertel leben Angehörige beider Religionen dicht nebeneinander. Die katholische Minderheit kämpfte in einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg für die Unabhängigkeit der Provinz von Großbritannien. Die Unruhen begannen am Dienstag und erreichten einen neuen Höhepunkt, nachdem am Mittwoch Jugendliche Kinder einer katholischen Schule mit Steinen beworfen hatten.

Trotz der derzeitigen Schwierigkeiten sei die Lage in Nordirland zurzeit viel besser als im Jahr zuvor, sagte Adams. Der Friedensprozess mache grundsätzlich Fortschritte. Zugleich wies der Parteichef Berichte zurück, dass es sich bei den Straßenschlachten in der nordirischen Hauptstadt um Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden katholischen und protestantischen Gruppen handle. Dies sei nicht richtig. "Vielmehr versucht eine regierungstreue paramilitärische Gruppe die Spannungen zu verschärfen", sagte er. Auch gehe er nicht davon aus, dass der Chef der katholisch-protestantischen Provinzregierung, David Trimble, seine Rücktrittsdrohung zum 1. Juli wahr mache. Trimble ist ein führender Vertreter der pro-britischen, protestantischen Bevölkerungsmehrheit.

Adams forderte den britischen Premierminister Tony Blair auf zu handeln. "Dass so etwas passiert, würde in Großbritannien nicht zugelassen. Und Herr Blair muss sehr deutlich sagen, dass er es heute auch in Belfast nicht zulässt", sagte er. Er kündigte zudem Gespräche mit einem Vertreter der US-Regierung, Richard Haas, an, der von Freitag an in London, der irischen Hauptstadt Dublin und Belfast erwartet wird. Haas' Reise unterstreiche die Unterstützung der USA für die Umsetzung des Karfreitagsabkommens, sagte eine US-Regierungssprecherin.

Die britische Nordirland-Ministerin Jane Kennedy forderte nach einem Treffen mit Vertretern katholischer und protestantischer Einwohner Belfasts am Donnerstagabend erneut zur Ruhe auf.

Im Karfreitagsabkommen hatten sich die pro-irischen und pro-britischen Parteien Nordirlands 1998 auf den Aufbau einer gemeinsamen Regionalregierung verständigt. Sinn Fein ist die politische Vertretung der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Trimble hat der IRA im Streit um ihre Entwaffnung eine Frist gesetzt und damit gedroht, als Erster Minister der Regierung zurückzutreten, falls es zu keiner Einigung kommt. Ein Rücktritt Trimbles gilt als schwerer Rückschlag für den Friedensprozess.

22.6.2001 08:12