Doping-Ermittlungen gegen insgesamt 86 Personen

Der deutsche Rad-Profi Jan Ullrich muss mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Florenz gegen ihn rechnen. Die Nachricht erschüttert den Olympiasieger, der gerade in hartem Training weiter an seiner Form für die in drei Wochen beginnende Tour de France feilt, nicht.
Beim Giro waren bei einer Doping-Razzia zahlreiche verbotene Substanzen bei den Fahrern gefunden worden. Gegen 50 bis 60 Profis soll nun ermittelt werden. Erstens war nach dem Fund von Kortekoiden bei der Doping-Razzia am vergangenen Donnerstag in San Remo mit Folgen zu rechnen, zweitens sei der Einsatz des Medikaments gegen Asthma medizinisch begründet und damit gestattet, obwohl Kortekoide auf der Doping-Liste stehen.
Gedopt mit Asthma-Medikament?
"Weder Ullrich noch der Arzt oder die Teamleitung haben bisher etwas in der Hand aus Florenz. Spätestens seit 1998 ist bekannt, das Jan Kortekoide zum Inhalieren gegen sein allergisches Asthma benutzt. Das steht in seinem Gesundheitsbuch", sagte am Donnerstag Telekom-Teamsprecher Olaf Ludwig.
In seiner Funktion als Vize-Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) sieht der Thüringer den vom italienischen Verband vom 18. bis vorerst 23. Juni verfügten landesweiten Wettkampf-Stopp mit gemischten Gefühlen: "Das kann nur ein Zeichen sein." Auch Tony Rominger, ehemaliger Schweizer Stunden-Weltrekordler und Chef der in der kommenden Woche beginnenden Tour de Suisse, fand die Aktion "nicht sinnvoll".
Der Verband hatte Mittwoch Abend alle nationalen Rennen abgesagt. Ab 18. Juni wird bis zur Verabschiedung eines Ethik-Codex' zur Doping-Bekämpfung von der Jugendklasse bis hin zur Profi-Rundfahrt in Italien kein Rennen mehr ausgetragen werden - günstig, dass in diesem Zeitraum ohnehin der Terminkalender leer war.
Unter dem Vorsitz des ehemaligen, hoch betagten Auswahl-Trainers Alfredo Martinelli tritt der Ethik-Rat am 23. Juni zusammen. Der Verband entsprach der dringenden Bitte des Italienischen Olympischen Komitees (CONI), das alle Radsportler mit dieser Zwangspause zum Nachdenken über die jüngsten Doping-Skandale auffordern will.
Frigo leugnet Doping
Dario Frigo, der als Zweitplatzierter aus dem Giro d'Italia genommen wurde, weil bei ihm ein synthetisches Blut-Präparat ("Hemassist"/kam wegen hoher gesundheitlicher Risiken 1998 nach einer Probephase nicht auf den Markt) gefunden worden war, leugnete Doping.
Der 27-jährige Italiener, der in dieser Saison Paris - Nizza und die Tour de Romandie gewonnen hatte sowie im Giro neun Tage in Rosa gefahren war, erklärte am Mittwoch überraschend: "Ich kann nicht sagen, welche Substanz in meinem Koffer war. So wie ich mich im Giro fühlte, wäre sie bis Mailand im Koffer geblieben. Ich habe nie gedopt und habe keinen Fahrer-Kollegen verraten." Allerdings schien er davor Hintermänner preisgegeben zu haben, was die Anti-Doping-Kommission des CONI sehr froh stimmte.
Gegen 86 Personen wird ermittelt
Laut zuständiger Staatsanwaltschaft in Florenz werde gegen 86 Personen, darunter bis zu 60 Fahrer, ermittelt. Das sei das Ergebnis der Auswertungen der Razzia-Funde von San Remo. Nur zwei von 20 am Giro beteiligten Teams seien demnach "sauber".
Die entsprechenden Fahrer, Betreuer und Ärzte, gegen die ermittelt wird, werden in den kommenden Tagen von der Staatsanwaltschaft den "Aviso di Garanzia" zugestellt bekommen. "Uns ist klar, dass wir nicht unter den zwei Teams sind, bei denen nichts gefunden wurde", sagte Ludwig.
Auch wenn Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc Konsequenzen im Fall des Frigo-Teams Fassa Bortolo schon ausschloss, muss er die 22 eingeladenen Teams, die ab 7. Juli zum bedeutendsten Radsport-Ereignis des Jahres starten wollen, noch ein Mal unter die Lupe nehmen.
Unter der Lupe
Neben Telekom und Fassa Bortolo stehen auch die Giro-Starter Lotto (Belgien), Ibanesto, Kelme, Once (alle Spanien), Mapei, Lampre (Italien) und Bonjour (Frankreich) auf der Teilnehmerliste der Tour. Rominger rechnet damit, dass "50 Prozent der Fahrer, gegen die jetzt ermittelt wird, den Einsatz der beanstandeten Medikamente medizinisch begründen kann und damit keine Sanktionen fürchten muss".
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