Montag, 11. Juni 2001

Vom Kriegshelden zum gewissenlosen Fanatiker

Fanatischer Haß auf die Regierung sei sein Motiv gewesen, hatte ihm die Anklage vorgeworfen. Solch starke Gefühlsregungen waren dem Angeklagten während seines Prozesses 1997 indes nie anzusehen.

Regungslos, das Kinn auf die großen Hände gestützt, hatte Timothy McVeigh stets das Verfahren verfolgt, bei dem es für ihn um Tod oder Leben ging und das nun in die Festsetzung des Strafmaßes durch die Jury mündete: Der 29-jährige Ex-Soldat soll hingerichtet werden für den Anschlag von Oklahoma City 1995 - den mit 168 Toten und mehr als 600 Verletzten bislang schlimmsten Terrorakt auf dem Boden der USA.

Intelligent, aber wenig Freunde
Aufgewachsen ist Timothy McVeigh in der Kleinstadt Pendleton im Norden der USA. Der Vater ist KFZ-Mechaniker, die Mutter Angestellte in einem Reisebüro. Sie ließen sich scheiden, als Timothy noch in die Schule ging. Auch dort fiel er nicht weiter auf. Er galt als intelligent, hatte aber wenig Freunde.

Hochdekorierter Kriegsheld
Mit 20 Jahren geht McVeigh in die Armee und nimmt als Kanonier am Golfkrieg teil. Für Tapferkeit wird er mit dem bronzenen Stern ausgezeichnet. Doch als er nicht die gewünschte Beförderung erhält, nimmt er seinen Abschied - und damit beginnt sein Abgleiten in die rechtsextreme Szene. Schon als Soldat hatte er mit Vorliebe Waffenzeitschriften und rechtsextreme Pamphlete gelesen. Sein Lieblingsbuch war "The Turner Diaries" (Die Turner-Tagebücher), in dem ein Anschlag auf die US-Bundespolizei FBI geschildert wird, das verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Bombenanschlag von Oklahoma City aufweist.

Drei Ereignisse verwandelten McVeigh in einen Mörder
McVeigh reist ziellos durchs Land, verkauft Waffen auf Messen, lebt einmal bei seinem Vater, dann bei seinem 13 Jahre älteren Freund Terry Nichols, den er in der Armee kennenlernte und der ihm beim Bau der Bombe geholfen haben soll. Er knüpft Kontakte zu paramilitärischen regierungsfeindlichen Gruppen. Nach Erkenntnis der Anklage waren es drei Ereignisse, die McVeigh zum Attentäter werden ließen: Der blutige Einsatz des FBI gegen den weißen Rassisten Randy Weaver 1992 in Ruby Ridge im Bundesstaat Idaho, die Belagerung des Geländes der Davidianer-Sekte durch das FBI im texanischen Waco 1993 und die Verabschiedung des Brady-Gesetzes zur stärkeren Kontrolle von Waffenverkäufen.

Patriotismus oder Wahnsinn?
Mit dem Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude in Oklahoma City wollte McVeigh zu einer "Revolution" gegen die Regierung aufrufen. "Patriotismus" gab er als Motiv an. Die Bombe explodierte auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Drama von Waco. Doch statt Begeisterung für die Tat erntete McVeigh Entsetzen. Nur eine Stunde und fünfzehn Minuten nach dem Anschlag wurde er gefaßt - zufällig, weil sein Auto kein gültiges Kennzeichen hatte. Bis zu dieser Festnahme war McVeigh nie in den Akten der Polizeibehörden aufgetaucht - ein unbescholtener, durchschnittlicher Bürger, der nun nach dem Willen der Geschworenen für das tödliche Attentat mit seinem eigenen Leben büßen musste.

11.6.2001 15:45