E-Mails für den Kanzler auf "blonde" Homepage verirrt

Mitteilungen des Innenministeriums, Bettelbriefe aus der Provinz, Wanderrouten fürs Wochenende - E-Mails für den Bundeskanzler verirren sich auf eine Blondinenhomepage.
Ein schmucker Bungalow unweit des Wörthersees, drei Pekinesen, die sich faul am Teppich rekeln - plötzlich durchdringt ein schriller Signalton das karinthische Idyll: Wieder einmal hat der PC eine eingelangte E-Mail gemeldet, und wieder einmal ist die Botschaft nicht für Hausherrn Karl Cesanek bestimmt, sondern für Wolfgang Schüssel.
Bettelbriefe der Länder, Schelte der Pensionistenvertreter, Strategiepapiere des Innenministeriums, detaillierte Pläne für Wochenendwanderungen, Sonderangebote aus dem Bipa-Stammkundenklub - immer öfter landet die elektronische Post des Kanzlers im sonnigen Süden; und zwar inmitten von schwarzem Lack, hautengem Leder und messerscharfen Kurven, nämlich im Diskussionsforum einer Blondinenhomepage.
Faule Brieffreunde
Grund für die pikante Umleitung am Datenhighway: Noch bevor das offizielle Österreich via Internet kommunizierte, hatte sich der findige Geschäftsmann Cesanek die Rechte an der Domain bka.at gesichert.
"Das logische Kürzel für ,Blondinen können alles'", erläutert der stolze Webmaster. Was der 41jährige Klagenfurter jedoch nicht ahnte: Kurz nach ihm griff man auch am fernen Ballhausplatz auf "seine" Buchstabenfolge zurück und schrumpfte das Wort Bundeskanzleramt zu bka und die zweitwichtigste Mailanschrift der Republik folgerichtig zu wolfgang.schuessel@bka.gv.at.
Fazit: Sobald sich ein Brieffreund des Bundeskanzlers das für Government stehende Kürzel gv erspart, landete die virtuelle Depesche bei Karl Cesanek. Das Briefgeheimnis der Bundesregierung - ein schlechter Blondinenwitz: So etwa bettelt ein gewisser Kuno B. vom Amt der Vorarlberger Landesregierung einen Kanzlersprecher um eine kleine Spende für die optische Ausgestaltung des Europaforums in Lech an.
Im Hinblick auf Schüssel heißt es da: "Offensichtlich hat ihm (als Künstler) der Entwurf sehr gefallen. Uns sind damit aber auch ordentliche Kosten erwachsen." Die geforderten 57.299 Schilling und 40 Groschen wurden allerdings nie ins Ländle überwiesen, der Spendenappell versandete in Kärnten. Auch der Zorn des Tiroler Seniorenrates blieb dem Regierungschef erspart. "Ich kann eigentlich nicht glauben, dass Sie wissen, wie man mit den Senioren unseres Landes umgeht", las der Kärntner Blondinenfreund anstelle des Kanzlers.
Ja sogar das Innenministerium, das immerhin eine Spezialeinheit zur Bekämpfung der Internetkriminalität stellt, sucht den Kanzler mitunter am Fuße der Karawanken - und so erfuhr der Kärntner Webmaster auf Schüssels Anfrage hin exklusiv, "dass der Standort des grundsätzlich von den Strukturüberlegungen betroffenen Gendarmeriepostens Thalgau beibehalten wird". Cesanek: "Ich könnte jederzeit Mails mit dem Briefkopf des Innenministeriums verschicken."
Marschroute
Was den Staatsschützern noch mehr Kopfzerbrechen bereiten sollte: Cesanek kennt mittlerweile auch Schüssels private Wanderrouten. Schließlich informierten ihn die Bundesforste detailliert über eine geplante Tour durch das Hochschwab-Gebiet. Höhepunkt: "Mittagessen im Gasthof Hubinger".
Sogar die Expertentips für treue Bipa-Kunden verfehlen regelmäßig ihren prominentesten Adressaten. Und so verstrich im Hause Schüssel ein weiterer Vatertag ohne "die neuesten Fashiontrends" und auch ohne "Pflege für richtige Männer".
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