Gehrer im FORMAT über ihr kleines pädagog. Geheimnis

Der Streit über die Benimm-Regeln im Unterricht wird noch eine Weile dauern. Besonders scharfe Kritik zu den Plänen der Regierung kommt von der Opposition. Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer verteidigt im FORMAT ihren Standpunkt.
Format: Frau Minister, die Opposition bezeichnet die von Ihnen propagierten Verhaltensvereinbarungen zwischen Schülern und Lehrern als Rückfall in die "Rohrstaberl-pädagogik". Ärgert Sie der Vergleich?
Gehrer: Verhaltensvereinbarungen sind moderne Schritte, die festlegen, wie man miteinander umgeht. Mit Rohrstaberl-pädagogik hat das nichts zu tun.
Format: Es gibt wilde Spekulationen darüber, was die Schulen künftig autonom regeln können. Was sollen die Verhaltensvereinbarungen tatsächlich beinhalten?
Gehrer: Zahlreiche Schulen haben bereits Verhaltensvereinbarungen eingeführt. Da gibt es etwa die "compensation time", in der Schüler nicht erledigte Hausübungen nachholen, während die anderen in die Bibliothek oder ins EDV-Zentrum gehen können. Genauso gibt es bereits Vereinbarungen, nach denen Lehrer, die mehr als dreimal zu spät zum Unterricht kommen, der Direktion gemeldet werden.
Format: Welche Konsequenzen hat ein pragmatisierter Beamter für seine Unpünktlichkeit denn zu befürchten?
Gehrer: Der Direktor ist ja immerhin der Manager der Schule, und der sagt den Lehrern, daß es so nicht geht. Schließlich wäre es ja auch für den Lehrer unangenehm, wenn er immer wieder zum Direktor muß - daraus entsteht ja eine öffentliche Diskussion. Man muß nicht immer gleich Sanktionen setzen. Was viel wichtiger ist: Durch die Verpflichtung, sich an Vereinbarungen zu halten, entsteht positive Motivation.
Format: Die Verhaltensvereinbarungen sollen also in erster Linie nachlässige Lehrer in die Pflicht nehmen?
Gehrer: Sie dienen dazu, daß sich Lehrer und Schüler gemeinsam bewußtmachen, wie sie das Schulleben möglichst konfliktarm gestalten können. Den Schülern muß bewußt gemacht werden, daß sie pünktlich erscheinen, ihre Aufgaben machen und einen guten Umgangston pflegen - das ist heute alles nicht selbstverständlich. Da ist mit den Eltern zu reden, damit die Kinder rechtzeitig aufstehen und ein Frühstück bekommen. Das sind Bewußtmachungsprozesse - und schon allein daß man das diskutiert, festlegt und unterschreibt, beeinflußt das Miteinanderleben günstig.
Format: Ist das nicht alles ein optisches Täuschungsmanöver, um von den eigentlichen Problemen des Bildungsbereichs abzulenken? Die Lehrer fühlen sich überfordert, die Klassen sind überfüllt, es fehlt an allen Ecken und Enden an finanziellen Mitteln.
Gehrer: Kaum sonstwo in Europa verbringen die Lehrer so wenige Wochenstunden in der Klasse. Ihre psychische Belastung weicht von jener anderer Berufsgruppen nicht wesentlich ab. Es ist einfach nicht wahr, daß das Bildungswesen zu Tode gespart wird. Wir haben mit 110 Milliarden das größte Bildungsbudget aller Zeiten und liegen innerhalb der EU bei den Bildungsausgaben an vierter Stelle. Auf einen Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung kommen in Österreich drei Schüler, so ein Verhältnis gibt es europaweit nicht. Dennoch muß immer wieder herausgestrichen werden: Schule allein kann nicht alle Probleme lösen. Den jungen Menschen eine Zukunft zu
geben ist selbstverständlich auch Aufgabe der Eltern. Deshalb halte ich die aktuelle Diskussion auch für einen wesentlichen Fortschritt - sie führt der Gesellschaft vor Augen, daß auch sie ihren Teil beitragen muß.
Format: Wie haben Sie als Lehrerin Ihre Schüler motiviert?
Gehrer: Ich habe 51 Schüler unterrichtet; in unserer Landvolksschule waren erste und zweite Klasse zusammengelegt. Bei mir gab es nie Sanktionen, sondern Belohnungen wie Pickerln oder ein paar nette Sätze ins Heft. Oft durften Kinder zur Belohnung auch am Pult sitzen.
Format: Gymnasiasten würden Sie dafür wohl milde belächeln.
Gehrer: Die Professoren sind kreativ genug, um sich selbst etwas einfallen zu lassen, denen muß nichts zentral vorgeschrieben werden.
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