Mittwoch, 6. Juni 2001

Israelis und Palästinenser setzen auf US-Vermittler

Israelis und Palästinenser setzen nun angesichts einer unsicheren Waffenruhe im Nahen Osten auf neue Vermittlungsbemühungen der USA. Unterdessen heizt Israels Ministerpräsident Sharon mit scharfen Angriffen auf den palästinensischen Präsidenten Yasser Arafat die Spannungen an.

Er nannte Arafat in einem Interview des russischen Fernsehsenders NTW einen Mörder und pathologischen Lügner. Arafat werde auf der ganzen Welt mit roten Teppichen und wie ein Staatsoberhaupt empfangen, dabei verhalte er sich wie der Führer von Terroristen und Mördern, erklärte Sharon. Ein Treffen mit Arafat lehnte er ab.

Außenminister Shimon Peres rief zur Zurückhaltung auf. "Die Worte schaffen eine furchtbare psychologische Situation", mahnte er im israelischen Rundfunk. Es waren Sharons härteste Äußerungen seit seinem Amtsantritt am 7. März. Sie kommen zu einem Zeitpunkt, da Israel noch versucht, die Effektivität des von Arafat nach dem Selbstmordanschlag von Tel Aviv ausgerufenen Waffenstillstands abzuschätzen.

In einem vorab verbreiteten Beitrag des Magazins "Stern" warf Sharon Arafat überdies vor, mit EU-Geld Waffen zu kaufen. Er forderte die europäischen Regierungen auf, ihre Hilfe für die Palästinenser nur noch für die Privatwirtschaft und für konkrete Projekte einzusetzen. "Wenn man den Palästinensern einfach Geld gibt, kaufen sie dafür Waffen", so Sharon. "Wir sind bereit, über alles zu verhandeln", erklärte er. "Aber nichts wird möglich sein, bevor der Terror total aufhört." Von der EU forderte Arafat Druck auf die Palästinenser.

US-Präsident George W. Bush zuversichtlich
US-Präsident George W. Bush äußerte sich am Dienstag zuversichtlich, dass Tenets Reise zur Vertrauensbildung in der Region beitrage. Der Kreislauf der Gewalt müsse endlich gestoppt werden. Der CIA-Chef war zuletzt im Oktober vergangenen Jahres zu Verhandlungen in die Konfliktregion gereist, nachdem die Palästinenser ihre Intifada von Neuem aufgenommen hatten. Dabei kamen seit Ende September 484 Palästinenser und 108 Israelis ums Leben. Am späten Dienstag wurde nach Angaben von Siedlern und eines Militärsprechers ein israelisches Baby schwer verletzt, nachdem militante Palästinenser im Westjordanland Steine auf das Auto der Familie geworfen hatten.

Hisbollah-Führer Scheich Nasrallah will Fortsetzung d. Kampfes
Der Führer der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz in Libanon, Scheich Hassan Nasrallah, rief die Palästinenser unterdessen zur Fortsetzung ihres Kampfes gegen Israel auf. Sie dürften sich nicht von israelischen Drohungen mit Vergeltung einschüchtern lassen. "Der Weg, den ihr gewählt habt, ist der richtige. Seid nicht geängstigt durch all die Drohungen", sagte er am Dienstag auf einer Kundgebung.

In den Palästinenser-Gebieten drangen mindestens hundert jüdische Siedler randalierend in ein arabisches Dorf ein und steckten mehrere Häuser in Brand. Die Siedler seien bewaffnet gewesen und hätten die israelische Flagge gehisst, sagten palästinensische Augenzeugen. Zuvor war ein Siedlerkind durch Steinwürfe schwer verletzt worden. Trotz des Vorfalls schien die Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern einen vierten Tag zu halten. Die Siedler brannten in dem Dorf El Sawia drei Häuser und ein Gewächshaus nieder. Zwei Siedler seien festgenommen worden, teilte die Polizei mit.

6.6.2001 17:07