Mai-Löhne werden heute überwiesen

Die Gespräche der kreditgebenden Banken über die Zukunft des angeschlagenen börsenotierten Medien- und Buchhandelskonzerns gehen weiter. Sollte Libro im Worst-case-Scenario in den Konkurs schlittern, würde dies den Pleitenfonds (Insolvenzausgleichsfonds) zwischen 350 und 400 Mill. S kosten.
Entsprechende Anfragen an den Fonds hat es kürzlich gegeben, hieß es aus informierten Kreisen. Der Fonds, in den nur die Arbeitgeber einzahlen, hat die Aufgabe, an Mitarbeiter insolventer Firmen Löhne und Gehälter sowie Abfertigungen und Urlaubsgelder zu zahlen.
Der Fonds geht bei seinen Berechnungen der Libro-Kosten von einer Lohnsumme von 35 Mill. S pro Monat für rund 3.000 Beschäftigte aus. Das aushaftende Entgelt für die Monate Juni und Juli plus Urlaubszuschlag würde sich mit 117 Mill. S zu Buche schlagen. Dazu kämen Abfertigungen bei Kündigung von 240 Mill. S. Basis für die Berechnung ist ein Abfertigungsvolumen von vier Monatsgehältern zu je 20.000 S.
Wie berichtet rutscht der Fonds durch die Zahlungen an den Versöhnungsfonds im Ausmaß von 3,7 Mrd. S heuer mit rund 2 Mrd. S ins Minus. Für 2002 wird - vorausgesetzt es gibt keine negativen Überraschungen an der Insolvenzfront - wieder mit einem Plus abschließen.
Die Insolvenzwelle von 1995 hat dem Pleitenfonds einen Schuldenberg von knapp 7 Mrd. S beschert, davon entfielen auf die Mega-Pleite Konsum rund 700 Mill. S. Damals wurden die Beiträge, die von 1987 bis 1994 lediglich 0,1 Prozent betragen haben, auf 0,5 Prozent angehoben und 1996 auf 0,7 Prozent erhöht.
Banken verhandeln weiter
Bisher hatte zwischen Banken und Alteigentümern (UIAG, DBAG, Telekom Austria) Pattstellung geherrscht: Die Banken hatten einen Schuldennachlass zwar signalisiert, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Eigentümer Liquidität einschießen. Kurzfristig sollen rund 300 Mill. S notwendig sein, der gesamte Restrukturierungsbedarf wurde wiederholt mit 1,1 Mrd. S beziffert.
Interessenten in Warteposition
Die genannten Interessenten Bertelsmann, der Welser Büroartikelhändler PBS und die vom Libro-Management favorisierte Investorengruppe um Libro-Aufsichtsrat Karl Michael Millauer mit der VCH, dürften in Warteposition sein und scheinen weitere Entwicklungen abzuwarten. Millauer befindet sich derzeit auf Dienstreise und wurde um eine Stellungnahme ersucht.
Beim deutschen Medienriesen Bertelsmann gibt sich der Sprecher des Unternehmensbereichs DirectGroup weiter zugeknöpft. "Spekulationen und Gerüchte werden von uns nicht kommentiert", hieß es am Mittwoch zur APA. Bertelsmann betreibt abgesehen von den europaweit rund 600 Buchclub-Filialen (u.a. Donauland) keine Handelsstandorte. 1999 wurden 11 deutsche Boulevard-Filialen an Libro abgegeben, die im Zuge der Sanierung jetzt verkauft oder geschlossen werden sollen.
Der oberösterreichische Büromaterialhändler Anton Stahrlinger (PBS, Skribo), der gemeinsam mit einer nicht genannten Investorengruppe Interesse bekundet hat, ist vor allem an den klassischen Libro-Filialen interessiert. "Die Amadeus-Standorte sind zu kostenintensiv geführt", aber auch das Libro-Filialnetz müsse gestrafft werden.
Der Vorstand der VCH Beteiligungs AG mit Sitz in Wien, August Andre de Roode, hat gegenüber der APA bereits bestätigt, "wir haben bis zu einem gewissen Grad Interesse". Aber auch er wies darauf hin, dass noch keine Due-Dilligence Prüfung angelaufen sei. Im Aufsichtsrat der VCH finden sich laut Firmencompass unter anderem als Vorsitzender der Libro-Aufsichtsrat und frühere Wolford- bzw. jetzige BWT-Vorstand Karl Michael Millauer sowie der One2Sold-Finanzvorstand Martin Ohneberg.
De Roodes Co-Vorstand in der VCH ist Falko Müller-Tyl. Dieser wiederum ist zudem Vorstand einer RH Holding, in deren Aufsichtsrat sich die ehemaligen Residenz-Manager Gerhard Eckert und Friedrich Lind finden. Als Firmensitz der VCH Beteiligungs AG und der RH Holding scheint die Wiener Trautsongasse 8 auf, sie ist ident mit der ehemaligen Residenz-Adresse.
"Man braucht keine Glücksritter, das ist das letzte, was die Aktionäre brauchen", betonte Wilhelm Rasinger, Präsident des Interessensverbandes für Kleinanleger (IVA). "Millauer hätte seine Aufsichtsratspflichten wahrnehmen sollen", so Rasinger. Die Ursachen der Libro-Turbulenzen sieht er in erster Linie darin, dass beim Börsegang zu wenig Substanz vorhanden und die Aktien zu überhöhten Preisen verkauft worden seien. Verlierer seien am jeden Fall die Aktionäre.
Für die Online-Tochter von Libro, Lion.cc, könnte die deutsche WAZ-Gruppe, die derzeit 35 Prozent hält, einspringen und die restlichen Anteile übernehmen, heißt es gerüchteweise. "Kein Kommentar", sagte Lion-Vorstand Heinz Ledere.

