"Zu viele Pressekonferenzen, zu viele Reden"

Nach Einschätzung von Analysten ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu wenig transparent. Bei einer Umfrage erhielt die EZB im Vergleich zu den anderen Notenbanken der führenden Industrienationen (G7) am schlechtesten ab.
Bei einer am Dienstag veröffentlichten Reuters-Umfrage unter 62 Analysten wurde die EZB hinsichtlich der Transparenz ihrer Geld- und ihrer Informationspolitik verglichen mit den Notenbanken der USA, Großbritanniens, Japans und Kanadas am schlechtesten bewertet.
Die Analysten vergaben von zehn möglichen Punkten im Mittel für Transparenz nur drei und für Kommunikation 3,5 Punkte an die EZB, während die US-Notenbank Fed und die Bank of England (BoE) mit je acht Punkten im Median auf Platz eins lagen, gefolgt von der kanadischen Notenbank mit je sieben und der Bank von Japan mit je fünf Punkten.
Bei der EZB herrsche Unklarheit darüber, was der Unterschied zwischen Transparenz und Kommunikation sei, sagte Ken Wattret, Analyst bei BNP Paribas in London. Wenn es bei der EZB irgend etwas im Überfluss gebe, dann seien dies Pressekonferenzen, bei denen zu viele EZB-Vertreter zu viel sagten. Die EZB war unter anderem nach ihrer überraschenden Leitzins-Senkung vom 10. Mai von Analysten heftig für ihre Informationspolitik kritisiert worden.
Viele Experten hatten nach dem unerwarteten Zinsschritt die Glaubwürdigkeit der Bank in Frage gestellt. Analysten und Märkte hatten aus Äußerungen ranghoher Zentralbank-Vertreter vor der Entscheidung geschlossen, dass die EZB die Zinsen unverändert lassen werde.
Experten zufolge ließen sich einige Kommunikationsprobleme der EZB aus der Welt schaffen, wenn die Zentralbank ihre Zinssitzungen in größeren zeitlichen Abständen abhielte. Die übrigen G7-Notenbanken fällen ihre Zinsbeschlüsse seltener als die EZB, so etwa monatlich wie die BoE oder alle sechs Wochen wie die Fed. "Die EZB sollte die Märkte auf bevorstehende Zinsänderungen vorbereiten, ihre Protokolle veröffentlichen, sich seltener treffen und an ihren Positionen festhalten - ganz egal, wie stark der Druck von außen ist", sagte Klaus Wiener von AM Generali Finanz in Köln.
Analysten zufolge hat sich der geldpolitische Ausschuss der BoE stets um ein hohes Maß an Transparenz und Kommunikation bemüht. Auch Meinungsverschiedenheiten der Ausschuss-Mitglieder würden durch Veröffentlichung der Protokolle der monatlichen Treffen publik gemacht, hieß es bei den Analysten. Die EZB publiziert anders als die BoE ihre Sitzungsprotokolle nicht. EZB-Chef Wim Duisenberg hatte am Montag bei einer Rede in Brüssel bekräftigt, dies solle auch in Zukunft nicht geschehen.

