Samstag, 2. Juni 2001

"Langsamkeit noch immer eine Tugend"

Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic fordert eine Erhöhung des Reformtempos in seiner Heimat. "Langsamkeit ist hier immer noch eine Tugend," sagte der Politiker der nunmehr seit 100 Tagen an der Belgrader Regierungskoalition beteiligten DOS (Demokratische Serbische Opposition) im ORF-Mittagsjournal.

"Es gilt immer noch als weise, ein paar Tage zu warten, bis Entscheidungen gefällt werden." Djindjic kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Situation in der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro, wo noch keine definitive Entscheidung über eine mögliche Unabhängigkeit getroffen wurde.

"Wir sind Geiseln von Montenegro", formulierte Djindjic in der Radioserie "Im Journal zu Gast". Würden die Montenegriner eine Entscheidung zu Gunsten der Souveränität fällen, könnte man Verhandlungen aufnehmen. "Vorher hat das keinen Sinn." Es gebe in Belgrad aber erstmals eine Regierung, die diese Frage politisch und ohne Gewalt lösen wolle, sagte der serbische Ministerpräsident. "Sie sollen sich entscheiden, momentan steht es 1:1-Unentschieden und niemand weiß, wann weiter gespielt wird.

Der Reformwille der neuen serbischen Regierung werde aber auch von der Opposition im Parlament gebremst, klagte Djindjic. "Es geht alles sehr langsam, alles wird in die Länge gezogen." Bezüglich einer möglichen Gerichtsverhandlung gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, kündigte Djindjic einen "offenen Prozess" an. "Es wird nichts unter den Teppich gekehrt". Es sei auch nicht auszuschließen, dass Milosevic wegen "Kriegsverbrechen" belangt werden könnte.

In der Frage einer allfälligen Kooperation mit dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Den Haag seien aber noch "viele Details" zu klären, gab sich Djindjic eher bedeckt. Gefragt sei dabei ein "schrittweise" Vorgehen. Die serbische Regierung habe in den ersten Monaten ihrer Amtszeit aber viel zur Stabilisierung der Region beigetragen, meinte Djindjic. Daran könnte sich nun auch die Krisenprovinz Kosovo orientieren. "Ich hoffe, dass wir für die Politiker im Kosovo ein gutes Beispiel sind."

2.6.2001 13:48