Viele Gerüchte um tatsächlichen Tathergang

Beim spektakulären Königsmord in Nepal sind König Birendra und Königin Aishwarya vermutlich von ihrem eigenen Sohn Dipendra erschossen worden. Allerdings herrscht noch Unsicherheit über den tatsächlichen Hergang des Massakers.
Die beiden anderen Kinder des Monarchenpaars, Prinzessin Shruti und Prinz Nirajan, sowie mindestens vier Angehörige kamen bei dem Massaker ebenfalls ums Leben. Kronprinz Dipendra, der nach der Tat auf sich selbst geschossen haben soll, liegt im Koma. Trotz der Vorwürfe und der lebensgefährlichen Verletzungen rief der Staatsrat Dipendra zum König aus und bestimmte zugleich seinen Onkel Gyanendra zum Regenten.
Einen Tag nach der Tragödie vom Freitagabend gibt es noch immer keine offizielle Darstellung des Hergangs, in Kathmandu brodelte die Gerüchteküche. Ein Verwandter sagte, die Königsfamilie habe sich wie jeden Freitag zum Essen im Palast in der Hauptstadt Kathmandu getroffen. Dabei sei es zum Streit gekommen. Kronprinz Dipendra (29) habe plötzlich das Treffen verlassen, sei kurze Zeit später in Kampfuniform wiedergekommen und habe aus einer automatischen Waffe um sich geschossen. Zum Schluss habe er die Waffe auf sich selbst gerichtet. Die Regierung ordnete fünf Tage Staatstrauer an. Alle Beamten müssen sich nach Hindusitte den Kopf kahl scheren.
Auslöser: Unliebsame Heiratspläne?
Als Grund für den Streit wurden inoffiziell die Heiratspläne des Königspaares für ihren Sohn genannt. Er sollte demnach eine junge Frau heiraten, mit der er befreundet war, wollte selbst aber eine andere Freundin heiraten. Viele Menschen in Nepal bezweifelten diese Darstellung. "Ich glaube nicht, dass er seine Eltern aus so nichtigem Grund töten würde", sagte ein Demonstrant, der die "Bestrafung der Täter" forderte. Außerdem gab es Gerüchte, wonach Dipendra durch einen Schuss in den Rücken verletzt worden sei, den er nicht selbst abgegeben haben könne.
2. Möglichkeit: Politische Differenzen zwischen Vater und Sohn
Als möglicher Hintergrund galten auch politische Differenzen zwischen Vater und Sohn. König Birendra (55) hatte nach langem Zögern und blutigen Protesten 1990 seine Alleinherrschaft aufgegeben und die Macht an eine gewählte Regierung abgetreten. Seitdem hat es in Nepal neun Regierungen gegeben, und viele Politiker gelten als korrupt. Bei einem Untergrundkrieg gegen Maoisten kamen in den vergangenen fünf Jahren 1600 Menschen ums Leben.
Nepal: Eines der ärmsten Länder der Welt
Die Hälfte der Menschen in Nepal muss mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Mit umgerechnet rund 3.500 Schilling (254 Euro/3.500 S) pro Kopf und Jahr liegt das Bruttosozialprodukt niedriger als in Indien oder Bangladesch. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Kronprinz Dipendra trat aus all diesen Gründen dafür ein, dass sein Vater die Macht wieder an sich reißen sollte.
70 % Analphabeten
Bis zu Beginn der 50-er Jahre war das kleine Land - ehemals Einflussgebiet Britisch-Indiens - ein abgeschotteter, mittelalterlicher Staat. Noch heute sind 70 Prozent der 23,4 Millionen Einwohner Analphabeten. Fast 90 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Hinduismus, vier Fünftel der Nepalesen sind Bauern.
Königin und König aus rivalisierenden Adelsgeschlechtern
König Birendra und Königin Aishwarya stammten aus rivalisierenden Adelsdynastien und waren 1970 aus politischen Gründen verheiratet worden. Nach dem Tod seines Vaters bestieg Birendra 1972 den Thron. Er weigerte sich zunächst, das "Panchayat"-System, in dem Fünferräte in den Dörfern gewählt wurden, abzuschaffen und seine Macht durch ein Parlament kontrollieren zu lassen. Erst 1990 stimmte er einer neuen Verfassung zu, die ihn zum Monarchen nach britischem Vorbild machte.
Jüngerer Bruder des Königs übernahm Amtsgeschäfte
Am Samstag kam der Staatsrat, zu dem alle wichtigen Politiker und vom König ernannte Mitglieder gehören, zusammen. Experten sagten, da Dipendra noch lebe, sei er der Thronfolger. Zur Tat könne er nicht befragt werden. Deshalb habe sich der Staatsrat entschieden, Dipendra zunächst zum König auszurufen. Der nächste in der Thronfolgelinie wäre Prinz Gyanendra (53), der jüngere Bruder des ermordeten Königs. Er übernahm als Regent die Amtsgeschäfte des Königs. Prinz Gyanendra steht der noch schwachen Demokratie in Nepal kritisch gegenüber.
Weltweites Entsetzen
Der Königsmord in Nepal löste weltweit Entsetzen aus. Der Nachbar Indien ordnete drei Trauertage an. Die indische Regierung sei "tief schockiert", sagte ein Sprecher. Der britische Premierminister Tony Blair sprach der Bevölkerung von Nepal sein Beileid über die "schreckliche Tragödie" aus. Königin Elizabeth II. und Thronfolger Prinz Charles, der das Himalayakönigreich 1998 als Gast von Kronprinz Dipendra besucht hatte, sprachen von ihrer "tiefen Bestürzung und Trauer" über das Massaker.
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