Samstag, 2. Juni 2001

Blaue Minister müssen Rede u. Antwort stehen

FPÖ-Parteichefin Susanne Riess-Passer vergattert das blaue Regierungsteam zur Kontaktaufnahme mit der Basis. Jeder Minister muß Ende Juni zumindest acht Stunden lang Rede und Antwort stehen. Wie das der gebeutelten Partei weiterhelfen soll, ist unklar.

Jörg Haider", sagt Susanne Riess-Passer lapidar, "hat keine Zeit." Der Kärntner Landeshauptmann, jahrelang bei jedem blauen Maibaumumschneiden mit von der Partie, glänzt Ende Juni am ersten Tag des großangelegten freiheitlichen Reformkongresses durch Abwesenheit. 52.000 eingetragene
Parteimitglieder wurden eingeladen, aber Haider hat Besseres zu tun. Einigen seiner Parteifreunde ist das sogar ziemlich recht. Der Mann aus dem Bärental, tuschelt die blaue Führungsriege in Wien, werde ihnen nicht wirklich abgehen. So können an diesem Tag auch einmal andere im Rampenlicht
stehen.

Es soll die Veranstaltung der Susanne Riess-Passer werden
Weithin vernehmbar soll das Ende der internen Probleme, Skandale und sonstigen Peinlichkeiten ausgerufen werden. So weit, so unwahrscheinlich. Trotzdem wurde zu diesem Zweck alles freiheitliche Hirnschmalz in die Marketingwaagschale geworfen. Herausgekommen ist etwas noch nie Dagewesenes, das die an Kuriositäten ohnedies nicht arme österreichische Politlandschaft durch ein ganz spezielles Novum bereichern dürfte.

Blaues Kennenlernen. "Hallo, Minister", lautet das von den Parteistrategen ertüftelte Motto der Veranstaltung, die Regierungsmitglieder mit den einfachen FPÖ-Mitgliedern aus den entferntesten Winkeln der Republik zusammenführen soll. "Kommen Sie", steht im bunten Veranstaltungsfolder, "mit Ihren Sorgen, Problemen, Wünschen und Anregungen zum freiheitlichen ,Hallo, Minister'".

Keine allzu große Begeisterung unter FP-lern
Die Begeisterung der nach eigenen Angaben hochbeschäftigen Ministerriege war endenwollend. "Ein ganzer Tag ist zuviel", maulten einige und bezweifelten die Sinnhaftigkeit der gegenseitigen Zwangsbeglückung von Minister und Kleinfunktionär. Dazu kommt bei einigen Ressortchefs eine grundsätzliche Abneigung gegen allzuviel Hautkontakt mit dem gemeinen Fußvolk. Infrastrukturministerin Monika Forstinger etwa betritt nicht einmal den Gehsteig vor ihrer Wiener Wohnung, um nur ja mit niemandem überraschend kommunizieren zu müssen. "Wie die Forstinger diesen Sprechtag überstehen
soll", sagt ein hochrangiger Parteifunktionär, "ist mir komplett
schleierhaft."

Die Bittsteller
Genau acht Stunden wird die Infrastrukturministerin gemeinsam mit ihren Kollegen vor Ort in eigens - von Ex-Bundesgeschäftsführer Gernot Rumpold - gestalteten Kojen ausharren müssen. So sitzen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Sozialminister Herbert Haupt und alle anderen - selbst Tourismusstaatssekretärin Mares Rossmann bekam ein Plätzchen reserviert - unter dem gläsernen Pyramidendach. Das Programm ist dichtgedrängt und erlaubt allen Beteiligten nur wenig Verschnaufpausen. Vier Bittsteller dürfen sich im Stundentakt dem jeweiligen Regierungsmitglied nähern und in maximal fünfzehn Minuten ihre Sorgen abladen. Ergibt in acht Stunden immerhin 32 Bürgerkontakte.

"Gefragt werden", sagt Generalsekretärin Theresia Zierler, die den Kongreß federführend organisiert, "kann grundsätzlich alles." Der Grund für die gar so bemühte Kontaktaufnahme mit den Parteimitgliedern liegt auf der Hand. Seit dem Regierungseintritt der FPÖ war es zu dramatischen Entfremdungstendenzen zwischen Parteispitze und Basis gekommen. Die ehemals erfolgsverwöhnte Truppe verlor eine kommunale Wahl nach der anderen, zermürbte sich in internen Streitereien und belegte durch eine nicht endenwollende Serie an Pleiten, Pech und Pannen, daß der
Regierungseintritt wohl um einige Jahre zu früh gekommen ist.

Die ganze Story über die Sprechstunde und welche Strapazen den blauen Ministern noch bevorstehen, können Sie jetzt im aktuellen FORMAT nachlesen.

2.6.2001 09:24