FORMAT: Blair strebt nach (noch) höheren Weihen

Zwei Tage vor dem Urnengang am Dienstag zur Re-Election in Großbritannien sind selbst konservative Kommentatoren sicher: Der nächste Regierungschef wird wieder Tony Blair heißen. Er scheint aber nach Höherem zu streben. Insider munkeln, dass Blair Mitte seiner 2. Amtszeit ausscheiden wird - um sich als Präsident der EU-Kommission zu bewerben.
So beurteilt der liberale Soziologieprofessor und Oberhaus-Abgeordnete Sir Ralf Dahrendorf das Erfolgskonzept von Tony Blair:
Format: Glauben Sie Prognosen, die Tony Blair einen spektakulären Sieg prophezeien?
Dahrendorf: Die Umfragen sind derart eindeutig, daß man gar nicht anders kann, als ihnen zu glauben. Auch ich bin der Ansicht, daß Blair kaum noch etwas befürchten muß.
Format: Versuche, Blairs Popularität zu erklären, erschöpfen sich oft in der Feststellung, er sei eben ein perfektes Marketingprodukt seiner Spin-Doktoren.
Dahrendorf: Ein bißchen kurz greift das schon. Für den Erfolg von Blair sind meiner Ansicht nach zwei Punkte ausschlaggebend: Das Positive an ihm ist, daß er flexibel reagieren kann, daß er sich nicht an Ideologien festhält. Diese Flexibilität ist auch im kleinen zu beobachten. Konfrontiert mit dem Vorwurf, sich zuwenig um das Bildungssystem oder das Gesundheitssystem gekümmert zu haben, schafft er es zu sagen: Ich weiß, wir haben zuwenig getan, aber wir werden es nachholen. Das ist auf eine gewisse
Art entwaffnend. Es gibt aber noch einen zweiten Punkt, der Blair sehr zugute kommt: Das ist ein tiefe, kaum erklärliche Ablehnung der Briten gegenüber dem jetzigen Oppositionschef William Hague.
Format: Sie sagen, Blair ist kein Mann von Ideologien. Und doch hat er früher vehement für das Konzept eines dritten Wegs zwischen Sozialismus und purem, rücksichtslosem Kapitalismus gestritten.
Dahrendorf: In der Wahrnehmung der Wähler war der dritte Weg nie besonders wichtig - und jetzt ist es überhaupt ganz still um ihn geworden. Was irgendwie symptomatisch ist für die Person Tony Blair. Ich glaube, er wollte mit seinem Konzept eines dritten Wegs als ein Mann in die Geschichte eingehen, den man mit einer Vision, einer Idee verbindet, so wie etwa Maggie Thatcher mit dem Neoliberalismus. Doch das ist ihm nicht gelungen. Blairs Politik ist letzten Endes eine Liste von Punkten, die nicht unbedingt von einem größeren Ganzen zusammengehalten werden.
Format: Zum Teil werfen ihm das auch eigene Parteifreunde vor. Wie ist heute das Verhältnis Labour-Blair zu bewerten?
Dahrendorf: Das ist nach wie vor eine schwierige Beziehung. Aber andererseits hat sich auch in den britischen Parteien längst ein Selbstverständnis durchgesetzt, das besagt: Parteien sind dazu da, um Wahlen zu gewinnen. Ideen stehen nicht mehr im Vordergrund. Solange Blair gewinnt, wird die Partei daher letzten Endes hinter ihm stehen.
Format: Zumal er ein Mann ist, dem offenbar nichts schaden kann - nicht einmal ein Vizepremier, der sich mit Demonstranten prügelt. Und das in Großbritannien, dem Land von Etikette und gutem Benehmen.
Dahrendorf: Die Aktion von Prescott hat Labour ja sogar genützt! Wobei man schon sagen muß: Seit Maggie Thatcher hat in Großbritannien ein massiver Wertewandel eingesetzt: Heute hat nicht derjenige die Sympathien auf seiner Seite, der selbst dann noch die Contenance behält, wenn er mit Eiern beworfen wird, sondern einer, der sich wehrt, einer, der zurückschlägt. Ein Vizepremier, der das kann, vermittelt den Briten offenbar Sicherheit.
Format: Trotzdem: Warum können die Konservativen keinen einzigen Stolperer von Labour für sich nützen?
Dahrendorf: Das hat wie gesagt sehr viel mit der Antipathie zu tun, die viele Briten dem konservativen Kandidaten Hague gegenüber empfinden. Zum Teil ist aber auch die Erinnerung an die Regierungszeit der Tories einfach noch so frisch, daß viele Wähler nicht das Gefühl haben, daß die Konservativen schon jetzt an die Macht zurückkehren sollten.
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