Donnerstag, 31. Mai 2001

ÖVP Wien auf Obmannsuche

Der Anstoß zur Diskussion kam von außen. Die ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat forderte in einem Interview für die Wiener Landespartei einen „Generationswechsel“ – und Bernhard Görg ist darüber sichtlich verärgert.

„Wenn ich daran denke, dass Rauch-Kallat unter den Wortführern war, die mich aufgefordert haben, meinen Rücktrittsbeschluss nach der Wahl zurückzunehmen, fühle ich mich nicht betroffen. Aber die Debatte über einen Generationswechsel habe ich ja selbst losgetreten.“

In der Wiener ÖVP besteht nun der Verdacht, Maria Rauch-Kallat selbst möchte den amtierenden Obmann Görg beerben, und der Ruf nach einem Generationswechsel sei nur der Startschuss für die übliche Personaldiskussion.

Erhard Busek, der als rühriger Obmann der Wiener ÖVP 1983 zu sagenhaften 37 Mandaten verhalf (ehe er Jahre später von den eigenen Funktionären weggemobbt wurde), unterstützt einen Wechsel: „Er ist dringlichst erforderlich. Die Partei ist auf der Suche nach einem politischen Ansatz stecken geblieben. Niemand weiß, wofür die ÖVP Wien eigentlich steht. Wenn’s so weitergeht, werden uns die Grünen den Rang ablaufen.“

Busek fordert die „Wiedereroberung der Städte“ und legt der auf 16 Mandate geschrumpften Wiener ÖVP einen Themenkatalog als Hausaufgabe vor: „Aufbau eines Netzwerkes mit in- und ausländischen Nachbarstädten“, „Verkehrspolitik“, „Zuwanderung“ und „Problematik des Alterns und der Überalterung“. Dass Rauch-Kallat auf den Görg-Posten scharf wäre, schließt Busek aus: „Sie ist derzeit voll ausgelastet und denkt nicht daran, in die Landespartei zu wechseln.“

Bernhard Görg hat seinen Abgang in kleinstem Parteikreis längst angekündigt. Er ist im kommenden Februar 60 Jahre alt – und wird mit einiger Wahrscheinlichkeit diesen runden Geburtstag zur Amtsübergabe nutzen. Der liberale Kulturpolitiker Peter Marboe, derzeit nichtamtsführender Stadtrat, ist nur geringfügig jünger – als Parteiobmann und als Signal für einen Generationssprung fällt auch er aus.

Die – auch finanziell – mächtigste Gruppe in der Wiener ÖVP ist noch allemal der Wirtschaftsbund. Der forciert den 37-jährigen Gemeinderat Alexander Neuhuber als Görg-Nachfolger.

Der erfolgreiche Chef einer Immobilienfirma gilt als Liberaler. Die Personaldecke der ÖVP ist aber so dünn, dass neuerdings sogar wieder Liberale Aufstiegs-chancen haben.

31.5.2001 09:11