Freitag, 18. Mai 2001

Hoffnung auf "Business angels" und "Abfertigung neu"

Eine Bestandsaufnahme sowie Vorschläge für eine Vitalisierung des österreichischen Kapitalmarktes standen am Freitag im Mittelpunkt eines Kapitalmarkt-Symposiums der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und der Wiener Börse AG (WBAG).

Daran nahmen auch namhafte Vertreter der heimischen Wirtschaft, darunter OMV-Generaldirektor Richard Schenz oder Volker Potthoff, Vorstand der Deutsche Börse AG, teil.

Impulse durch "Abfertigung neu" und "Business angels"
WKÖ-Generalsekretär Reinhold Mitterlehner ortete wesentliche Impulse für den Kapitalmarkt durch die betriebliche Altersvorsorge, insbesondere im Rahmen der "Abfertigung neu".

Allein daraus könnten jährlich 25 Mrd. S (1,8 Mrd. Euro) in den Kapitalmarkt fließen. So genannte "Business angels" könnten die Finanzierung von Klein- und Mittelbetrieben (KMU) statt über Bankkredite zunehmend auf Eigenkapital verlagern. Vorstellbar seien etwa 3 und 5 Mill. S für 200 bis 300 Unternehmen aus privaten Mitteln, in Summe rund eine Mrd. S.

Finanzminister soll Anreize schaffen
Zudem soll der Finanzminister Anreize schaffen, etwa durch einen Beteiligungsfreibetrag in Höhe von 20.000 Euro (275.200 S). Auch die Pensionskassen sollen in Sachen Risikokapital verstärkt aktiv werden können.

Vertrauensverlust durch AUA-Ablöse und TA-Kurssturz
Eine wesentliche Rolle für die Wiener Börse wird der Verlauf der weiteren ÖIAG-Privatisierungen spielen, erwartet der WKÖ-Generalsekretär, für den die Vorgänge rund um die Abberufung der AUA-Vorstände "nicht zur Vertrauensbildung in diese Richtung beigetragen" haben. Der missglückte Börsegang der Telekom Austria mit anschließenden Kursverlusten bis zu 40 Prozent hat eine "Vertrauenskrise" bei den Anlagern ausgelöst.

Kapitalmarkt soll nationale Angelegenheit bleiben
Die Börse ist nur ein Baustein im Kapitalmarkt eines Landes, unterstrich Börse-Vorstand Stefan Zapotocky. Die Wirtschaft muss sich verstärkt um Eigenkapital bemühen. Eine Integration des Wiener Marktes etwa in die Frankfurter Börse wäre keine Lösung, denn "einen Kapitalmarkt kann nur das Land selbst entwickeln".

Wiener Börse hat ehrgeizige Ziele
Die WBAG hat sich bis zum Jahr 2005 ehrgeizige Ziele gesteckt: Der Anteil der in Aktien investierten Privatanleger soll von 7,45 auf 12 Prozent steigen, die Kapitalisierung von derzeit 15 auf 22 bis 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ansteigen. Der durchschnittliche Streubesitzanteil soll von 40 auf 60 Prozent klettern.

Hoffen auf Investoren-Plattform
Eine Investoren-Plattform aus bis zu zehn Personen soll die heimische Aktienkultur verbessern, wobei der Anleger im Vordergrund stehen soll. Die Börse plant eine Privatinvestoren-Kampagne sowie einen Ausbau ihrer Homepage (www.wbag.at).

Appell: Betriebliche Altersvorsorge
Europa-Abgeordneter Otmar Karas (ÖVP) appellierte an Finanzminister Karl-Heinz Grasser, sich beim Ecofin-Rat für eine baldige Entscheidung über die betriebliche Altersorsorge einzusetzen, die derzeit verzögert werde. Das sei vor allem für Österreich ein Problem, wo erst 9 Prozent der Arbeitnehmer über diese Möglichkeit verfügen.

Österreichischer Kapitalmarkt ist unterentwickelt
Grundlage vieler Überlegungen ist eine von der Boston Consulting Group (BCG) erstellte Studie. Diese bescheinigt dem österreichischen Kapitalmarkt eine "Unterentwicklung" im internationalen Vergleich. Mit einem Handelsvolumen von 10 Mrd. US-Dollar (11,34 Mrd. Euro/156 Mrd. S) und einer Marktkapitalisierung von 30 Mrd. Dollar oder 16 Prozent des BIP lag die Wiener Börse im Jahr 2000 im Europa-Vergleich auf einem der letzten Plätze.

Internationale Branchenmarktführer fehlen
Das geringe Angebot sei unter anderem auf die große Zahl nicht börsenotierter KMU (kleine und mittelständische Unternehmen) sowie auf viele Übernahmen durch ausländische Unternehmen zurückzuführen. In Wien fehlen Wachstumswerte oder internationale Branchenmarktführer, weiters trügen der geringe Streubesitz und die teilweise nicht zufriedenstellende Gewinnentwicklung börsenotierter Unternehmen zur geringen Attraktivität des Angebots bei, so die BCG. Sechs "Verbesserungshebel" sollen in den kommenden Monaten im Detail ausgearbeitet werden.

18.5.2001 21:22