Samstag, 19. Mai 2001

"Das war dann alles weg ..."

Kurt Schuschnigg (†) in einem bisher unveröffentlichten Interview über Bürgerkrieg, KZ-Aufenthalt und das Deutsche im Österreicher.

Gerhard Jagschitz (Bild), Zeitgeschichteprofessor an der Universität Wien, führte mit Kurt Schuschnigg knapp vor dessen Tod 1977 ein mehrtägiges Interview. Die 411 Seiten lange Abschrift ist bis heute nicht einmal auszugsweise publiziert worden. Hier relevante Passagen zur aktuellen Klage von Schuschniggs Sohn.

Jagschitz: Sie konnten eigene Sachen ins KZ Sachsenhausen mitnehmen?
Schuschnigg: Wir haben, als ich in Wien ausgezogen bin, das heißt aus meiner Dienstwohnung hinausgeworfen wurde, zum Teil meine eigenen Möbel darin gehabt, zum Teil war es einfach vom Bundesmobiliendepot geliehen. Die eigenen Möbel mußten wir beim Spediteur Schenker einstellen. Dann, als wir nach Sachsenhausen gebracht wurden, fanden wir dort eine mehr als primitive Einrichtung vor, und so habe ich das Gesuch gemacht, ob ich nicht auf meine Kosten … meine Möbel nach Sachsenhausen bekommen könne. Es kostete 3.000 Mark, und ich bekam sie dann. Dort hatte ich dann meine ganze Bibliothek, 3.000 Bände. (…) Das war dann alles weg.

Jagschitz: Das könnte noch auftauchen?
Schuschnigg: Jedenfalls habe ich nie mehr etwas davon gehört. Das ganze Porzellan, alles ist weg. Das ist egal. Das Interessante ist, ein Teil ist natürlich in Wien zurückgeblieben; wie Bilder und auch schwere Möbel, die in Sachsenhausen nicht Platz gehabt hätten und für die ich noch beim Schenker bezahlen mußte pro Vierteljahr. 1944 kam ein Mahnbrief von Schenker: "Wir bedauern mitteilen zu müssen, daß Bombentotalschaden eingetreten ist. Die restliche Rechnung für das laufende Jahr beläuft sich auf …"

Jagschitz: Was wollten Sie, als Sie die Regierung übernommen haben?
Schuschnigg: Erstens einmal eine friedliche Entwicklung, die eine Wiederholung der grauenhaften Episoden vom Februar und Juli, die man übrigens kaum als Bürgerkrieg bezeichnen kann, … weil sie nicht lange genug gedauert haben, … zu vermeiden. Also friedliche Entwicklung, Aussöhnung im Inneren. Zweitens … eine politische Linie, die mit genügend starker außenpolitischer Außendeckung es ermöglicht, dem deutschen Druck auf Österreich erfolgreich zu begegnen. … Nur war ich persönlich, … genauso wie die meisten derer, die damals in politischer Verantwortung gestanden sind, auf dem Standpunkt …, daß Neuwahlen … bis auf weiteres völlig ausgeschlossen seien, weil man nicht den Nationalsozialismus an die Macht lassen wollte. (…) Das war keine Frontwendung gegen die Sozialdemokraten, die sich damals sehr ruhig verhielten, besonders nach dem Tod Dollfuß’ ...

Jagschitz: Ich habe aus Ihren Worten doch ein gewisses stärkeres, demokratisches Element entnommen ...
Schuschnigg: Wenn Sie mich fragen: Haben Sie es damals ernst gemeint, als Sie gesagt haben "Ich will das Werk Dollfuß’ fortführen", muß ich mit einem hundertprozentigen Ja antworten.

Jagschitz: Mit allen Konsequenzen?
Schuschnigg: Ja, mit allen Konsequenzen.

Jagschitz: … (sind Sie nicht) genau in die Propagandagasse von Hitler hineingekommen …, der eben mit der Identifikation (Österreicher sind Deutsche, Deutsche sind Nationalsozialisten) gearbeitet hat?
Schuschnigg: Ich habe mir einiges vorgestellt und einiges ausgemalt, aber ich hätte mir nie in meinen wüstesten Träumen einmal eingebildet, daß ich später des Deutschnationalismus angeklagt werde. (…) Da stehe ich heute noch auf dem Standpunkt, wird sind zuerst Österreicher; habe mir allerdings eingebildet, und das habe ich deutlich genug gemacht, wir sind Österreicher, aber sind auch Deutsche. Damals sagte ich auch, wir seien die besseren Deutschen.

19.5.2001 14:21