Sonntag, 13. Mai 2001

Offenmarktausschuss der FED tagt am Dienstag

Am Dienstag ist es wieder so weit: In Washington tagt der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank und Wall-Street-Banker und Aktienfonds-Manager weltweit sitzen mit der Computermaus im Anschlag, um mit Kauf- und Verkaufordern auf die Zinsentscheidung zu reagieren.

Währungshändler halten den Atem an: der Euro, nach der überraschenden Zinssenkung der Europäischen Zentralbank unter Druck, könnte einen weiteren Schlag bekommen.

Ökonomen sind sich sicher: Zinsen werden weiter gesenkt
Die meisten Investoren und Ökonomen sind überzeugt, dass Notenbank-Präsident Alan Greenspan den Geldhahn weiter aufdreht. Trotz relativ positiver Konjunkturdaten in den vergangenen Wochen sitzt den Amerikanern die Rezessionsangst noch im Nacken. Es wäre die fünfte Zinssenkung in diesem Jahr. Nach vier Abwärtsschritten von jeweils einem halben Prozentpunkt ist das Tagegeld zurzeit für 4,5 Prozent zu haben.

Dabei ist Notenbankchef Alan Greenspan im Dilemma. Senkt er die Zinsen, entspricht er lediglich den Erwartungen der Märkte, die den Schritt schon eingeplant haben. Senkt er die Zinsen nicht, enttäuscht er Anleger und Unternehmer. So geschehen bei der jüngsten Sitzung des Offenmarktausschusses im März. Die Wall-Street-Händler hatten mit einem großzügigeren Zinsschnitt gerechnet, und reagierten mit massiven Verkäufen. Die Kurse sackten ab, und weil praktisch die Hälfte der Amerikaner Aktien besitzen, tat die Entscheidung nichts, um die Stimmung der Verbraucher zu heben. Mit deren Ausgabefreudigkeit steht und fällt aber die US-Konjunktur: sie kaufen zwei Drittel der in den USA erzeugten Güter und Dienstleistungen.

Experten sehen US-Konjunktur wieder optimistisch
Besser fuhr Greenspan mit der völlig unerwarteten Zinssenkung im April: weil niemand mit dem Schritt gerechnet hatte, reagierte die Börse in New York mit einem Kursfeuerwerk.

Was die US-Konjunktur angeht, sehen einige Ökonomen inzwischen Anlass zu Optimismus. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im April um unerwartete 3,1 Prozent. Der Dow-Jones-Index legte im gleichen Monat neun Prozent zu, der NASDAQ für die Technologiewerte 15 Prozent. Die US-Wirtschaft wuchs im 1. Quartal nach dem scharfen Wachstumseinbruch Ende vergangenen Jahres um beachtliche zwei Prozent. Das seien vorläufige Zahlen, warnen andere, die noch nach unten korrigiert werden könnten. Die Arbeitslosenrate stieg auf 4,5 Prozent und Unternehmer investierten im 1. Quartal gut zwei Prozent weniger in neue Ausrüstungsgüter als ein Jahr zuvor.

US-Zinssenkung wird Euro vermutlich nicht beflügeln
Die Hoffnung, dass eine amerikanische Zinssenkung den Euro beflügeln könnte, haben die meisten Währungsexperten begraben. Die gängige Theorie, dass Anleger in eine andere Währung flüchten, wenn ihre kurzfristigen Dollar-Anlagen weniger Rendite bringen, gilt nicht mehr. "Jedes Mal, wenn die Fed die Zinsen senkt, profitiert der Dollar", sagt April LaRusse vom Vermögensverwalter Mellon Newton. Die Zinssenkungen würden als Maßnahme interpretiert, die Wachstum fördert und Investitionen attraktiv macht. Im Handel mit amerikanischen Aktien und Wertpapieren flossen nach Angaben des Finanzministeriums im Februar netto 37,4 Mrd. Dollar (42,6 Mrd. Euro/587 Mrd. S) von Europa in die USA.

Die überraschende Zinssenkung im Euro-Land hat das Vertrauen in die Europäische Zentralbank (EZB) nach amerikanischer Lesart auch nicht gerade gestärkt. Weil EZB-Präsident Wim Duisenberg von einem Zinsschnitt so lange und so hartnäckig nichts wissen wollte, sind amerikanische Experten verwirrt. "Diese Zinssenkung schafft neue Unsicherheiten über den Fortgang der pan-europäischen Währungspolitik," sagte der Währungsanalyst der Citibank, Robert Sinche, dem "Wall Street Journal".

13.5.2001 10:07