Donnerstag, 10. Mai 2001

"Lieber Gott, schenk mir eine Villa!"

Jeden Tag drei Mal betete Britt Jones zum Herrn: "Lieber Gott, mach doch, dass ich mir ein eigenes Haus leisten kann, dann wäre meine Frau selig vor Glück." Schon nach ein paar Wochen wurde er scheinbar erhört.

Die Videotechnik-Firma des Mannes in Colorado Springs beförderte den fleißigen Beter zum Abteilungsleiter, und so konnte er sich einen Hauskredit leisten.

Wie sehnliche Wünsche nach einer Villa, einem Mercedes-Sportwagen, einer Rolex oder auch nach einem besseren Liebesleben angeblich auf dem Wege des Gebetes erfüllt werden können, hatte Jones einem schmalen Buch entnommen, das in den USA und Kanada in Windeseile zu einem sensationellen Bestseller wurde. Vor fünf Monaten mit einer bescheidenen Auflage von 30.000 Exemplaren gestartet, verkaufte sich "The Prayer of Jabez: Breaking Through to the Blessed Life" mittlerweile 4,3 Millionen Mal.

Die Bibel zum reich werden
Rasch avancierte das Büchlein zur "Bibel der Ich-Generation". Seit Wochen hält es beachtliche Rekorde: Nr. 1 der Bestseller-Liste von "USA Today", Nr. 1 der Ratgeber-Hitliste der "New York Times" und Nr. 1 der Sachbuch-Charts des Fachblatts "Publishers Weekly". Autor Bruce Wilkinson, inzwischen mehrfacher Dollarmillionär, sieht im Erfolg seines "Gebetes des Jabez" eine späte Erfüllung eigener inbrünstiger Bitten um materiellen Wohlstand.

Gnade des Herren sorgt für Geldsegen und Reichtum
Vor 30 Jahren hatte Wilkinson in einem Seminar zum ersten Mal von der kaum bekannten Bibel-Gestalt Jabez gehört. Im Alten Testament wird sie nur als Randfigur erwähnt. Doch ähnlich wie beim viel bekannteren König David, dem zugerufen wurde "Der Herr erfülle alle Deine Bitten!" (Psalm 20,6), war Gott auch Jabez gnädig. In der 1. Chronika 4,10 liest sich das so: "Dass Du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und Deine Hand mit mir sei und Du das Übel von mir fern hieltest, dass kein Schmerz mich treffe! Und Gott ließ kommen, was er von ihm erbeten hatte."

Wilkinson interpretierte das als eine Art Persilschein für das fast uneingeschränkte Streben nach Wohlstand und Lebensglück, wie es ja auch die amerikanische Verfassung als Recht eines jeden fest schreibt. Mit dieser Botschaft zog er als Wanderprediger durch Nordamerika. Anfangs belächelten ihn die Leute, dann hörten immer mehr zu, und heute füllt er leicht Säle mit Tausenden Zuhörern.

Gott als Weihnachtsmann?
Doch selbst in einer Gesellschaft, wo kaum etwas das Ansehen so sehr mehrt wie geschäftlicher Erfolg, ist nicht unumstritten, wie Wilkinson Gott zum Weihnachtsmann degradiert. Karen Bach zum Beispiel, Kaplanin der Universität Toronto (Kanada), forderte zu einer offenen Diskussion "über den Zustand unserer Gesellschaft" auf. Sie hält für unchristlich, dass es "hier nicht um das Wohlergehen der Welt, sondern des Einzelnen geht".

10.5.2001 12:11