Verbund mischt mit im Poker um den Privatkunden

Der Kampf um die kleinen privaten Stromkunden, die sich ab Anfang Oktober wie heute schon Industriebetriebe ebenfalls ihren Lieferanten frei auswählen dürfen, geht in eine neue Runde - nun steigt auch der Verbund in die Arena. Mit dem Raiffeisen-Sektor als Vertriebspartner möchte der Verbund 15 Prozent der Kleinkunden gewinnen - Haushalte, Gewerbe- und kleine Industriebetriebe.
"Das ist das Kundensegment, das wir direkt attackieren wollen", sagte Verbund-Vorstandssprecher Hans Haider am Dienstagabend anlässlich der Präsentation der neuen Strommarke "Raiffeisen Wasserkraft" mit dem Generaldirektor der Raiffeisen Ware Austria (RWA), Karl Nigl. Ziel seien zunächst 50.000 Stromkunden innerhalb von drei Jahren.
Verbund im Preiskampf bei den günstigsten Anbietern
Haushalte soll der "grüne Strom powered by Verbund" bundesweit einheitlich 47 Groschen je Kilowattstunde kosten, noch ohne Steuern, Energieabgabe und regional unterschiedlich hohe Netztarife. Damit sieht man sich günstiger oder zumindest gleich auf mit allen anderen Stromanbietern. Bei einem Durchschnittshaushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch verbillige sich die jährliche Stromrechnung in Wien und Niederösterreich um jeweils 500 Schilling, in Tirol zum Beispiel sogar um 800 S, erklärte Verbund-Vertriebsvorstand Johann Sereinig.
Steiermarkt am teuersten
Ein Gewerbebetrieb mit 30.000 kWh Jahresverbrauch könne sich gegenüber seinen bisherigen Stromkosten 8.000 bis 15.000 S im Jahr ersparen, ein Agrarbetrieb mit 15.000 kWh in Niederösterreich 1.300 S jährlich, in Tirol 3.800 S. Da die 47 Groschen/kWh für Haushaltsstrom wegen der in einigen Bundesländern recht hohen Netztarife noch nicht konkurrenzfähig wären, hofft der Verbund darauf, dass E-Control-Chef Walter Boltz, wie vom Stromregulator schon angekündigt, rasch für billigere Netztarife sorgt. Künftig werde es eine Relation von 1:2 bei den Systemnutzungsentgelten nicht mehr geben können, so Haider. Den höchsten Netztarif, der zu den Strom-Nettokosten noch dazu kommt, weist derzeit die Steiermark (Steweag) mit 134,3 Groschen je kWh auf.
Je ein Drittel der Stromabbnehmer der "Raiffeisen Wasserkraft" sollen Haushalts-, Gewerbe- und Agrarkunden sein. Die von Verbund und RWA zu je 50 Prozent getragene "Raiffeisen Wasserkraft GmbH" soll in zwei, spätestens drei Jahren positiv bilanzieren. Vertriebsprobleme durch die starke ländliche Dominanz von RWA sieht man nicht: Neben der RWA-Organisation, vornehmlich den Raiffeisen-Lagerhäusern, soll der Strom auch in den Raiffeisen-Banken angeboten werden. Dazu laufen bereits Gespräche mit dem Geldsektor des "grünen Riesen", so Nigl.
Ein Viertel des Umsatzes aus fossiler oder Bio-Energie
Der RWA-Chef sieht die Strom-Kooperation mit dem Verbund als "logische Erweiterung" der Produktpalette im Raiffeisen-Ware-Sektor. Schon heute bestreitet RWA ein Viertel des Konzernumsatzes von im Vorjahr 21 Mrd. S (1,53 Mrd. Euro) mit fossiler und biogener Energie, primär Treibstoffen, aber auch "verdichteter Biomasse" (Pellets und Brickets), wo man laut Nigl führender Anbieter in Österreich ist.
Der Verbund hält von 3,7 Millionen Kunden zählenden Gesamtmarkt in Österreich mit knapp 22 Mrd. kWh Verbrauch rund 400.000 Stromkunden für potenziell wechselwillig, rechne man die 11 Prozent Kundenwechsel binnen fünf Jahren am Strommarkt Norwegens auf heimische Verhältnisse um, so Sereinig. Ein Wechsel sei mit zweimonatiger Kündigungsfrist möglich. Kunden müßten also bis Ende Juli ihrem jetzigen Versorger kündigen, um von Anfang an im völlig liberalisierten Strommarkt bei einem neuen Stromlieferanten unter Vertrag stehen zu können. Bei der Marktbearbeitung im Segment der kleinen bis mittelgroßen Endkunden hat man sich standardisierte Lastprofile (Normlastprofile) bis zu 100.000 kWh Jahresverbrauch als Höchstgrenze gesetzt.
Tarifmodell ab Juli
Die Mindestvertragszeit soll bei "Raiffeisen Wasserkraft" ein Jahr betragen. Als besonderen Vorteil neben dem günstigen Preis sieht man auch an, dass die Kunden nur eine einzige Stromrechnung bekommen, die auch schon alle Nebenkosten bis hin zu den Systemnutzungsentgelten (Netztarifen) enthält. Bis Juli sollen die Tarifmodelle im Detail vorliegen, dann soll der Strom auch via Internet angeboten werden.

