Mittwoch, 9. Mai 2001

Friedensmission und ökumenische Versöhnungsinitiative

Es sollte eine fromme Pilgerreise auf den Spuren der Bibel sein. Aber Papst Johannes Paul II. nutzte seine sechstägige Reise nach Griechenland, Syrien und Malta zugleich zu einer politischen Friedensmission, zu ökumenischen Versöhnungsinitiativen und zu einem Neuanfang im Dialog mit dem Islam.

Bleiben werden die Bilder von der Umarmung mit dem griechisch-orthodoxen Athener Erzbischof Christodoulos, vom Friedensgebet in der Geisterstadt Kuneitra auf den Golan-Höhen und von seinem beschwerlichen Gang durch die Omayyaden-Moschee in Damaskus.

Selten zuvor hat der Papst bei einer Auslandsreise so oft "Neuland" betreten. Und es war bewegend, wie der 80-jährige Papst in seiner Gebrechlichkeit das strapaziöse Mammut-Programm absolvierte, bei sengender Hitze in Damaskus und eisigem Wind auf den Golan-Höhen. Anders als vor einem Jahr in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth standen in Athen, Damaskus und auf Malta nicht heilige Stätten im Vordergrund, sondern ein Programm: Die Gestalt und das Wirken des Apostels Paulus, der wie kein anderer Vertreter der frühen Kirche unkonventionelle Wege ging, Grenzen überschritt und auf neues Terrain vorstieß; und der um seiner Vision willen auch nicht die Auseinandersetzung mit den übrigen Aposteln scheute.

Athen: Papst beendete Dasein als "persona non grata
Ähnliches spiegelt auch die Paulus-Reise des Papstes. Mit seinem Besuch in Athen betrat er ein Land, in dem ein römisches Kirchenoberhaupt bis vor zwei Monaten noch als "persona non grata" galt. Auf dem Areopag gab er zusammen mit dem orthodoxen Erzbischof eine gemeinsame Europa-Erklärung ab. Zuvor hatte der Papst eine Vergebungsbitte für Vergehen von Katholiken während der Kreuzzüge abgelegt, vor allem während der berüchtigten Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1204.

Zwar wurden Stimmen laut, die diese neue Entschuldigung des Papstes für überflüssig und überzogen halten. De facto ging Johannes Paul aber in Form und Inhalt nicht über die Vergebungsbitten vom Heiligen Jahr hinaus. Doch in Athen, vor den Betroffenen, für die das Jahr 1204 noch immer ein Trauma bildet, war es befreiend und vertrauensbildend - und schaffte möglicherweise einen Durchbruch.

Aussöhnung mit dem Islam vorangetrieben
Neuland bedeutete auch der erste Besuch eines Papstes im Inneren einer Moschee, in Damaskus. Für wenige Minuten konnte der Papst still am Reliquien-Monument für Johannes den Täufer verweilen. Vorsichtig und geschickt meisterte Johannes Paul II. auch das dritte Problemfeld der Reise, die Etappe in Nahost. Der junge syrische Präsident Bashar el Assad verknüpfte die Begrüßung des Papstes mit heftigen Anschuldigungen gegen Israel; der Papst fing den forschen Auftritt souverän ab. In seiner Antwort lobte er die "Weisheit" des jungen Präsidenten, der bereits erkannt habe, dass ein gerechter und globaler Friede ganz im Interesse Syriens sei. Und dass er ihm zutraue, dass Syrien unter ihm eine immer bessere Harmonie unter den Völkern der Region anstrebe. Deutlicher lässt sich Überparteilichkeit kaum demonstrieren.

Auch mit seinem Besuch in Kuneitra, das nicht nur als Mahnmal, sondern auch zu Propagandazwecken und zur Pflege eines klaren Feindbildes fungiert, ließ sich der Pontifex nicht vereinnahmen. Er forderte Friede und Gerechtigkeit für alle, durch Dialog und ohne Gewalt, unter Beachtung von UNO-Normen. Lob wie Kritik aus den unterschiedlichsten politischen Lagern lassen folgern, dass dem Papst auch hier ein geschickter Weg über den Fronten gelungen ist.

Der Papst ist erschöpft, weitere Reisen sind aber schon geplant
Am Ende seiner Reise in Malta wirkte der Papst erschöpft. Der begeisterte Empfang auf der katholischen Insel zwischen Europa und Afrika tat ihm sichtlich gut. Und schon plant er neue Reisen, um noch weiteres Neuland zu betreten: Im Juni die Ukraine, im September Armenien. Und auch für 2002 denkt er an zwei weitere Länder, verriet sein Sprecher. Möglicherweise handelt es sich um Bulgarien und Weißrussland.

9.5.2001 15:02