Pharmakonzern Cipla ist manchen ein Dorn im Auge

Für seine Freunde ist Dr. Yusuf Hamied ein Pionier, seine Feinde nennen ihn einen Piraten. Der Chef der indischen Pharmafirma Cipla bietet hochmoderne Aids-Medikamente zu Niedrigpreisen an, noch bevor die internationalen Patente für diese Wirkstoffe ausgelaufen sind. Cipla ist damit den großen pharmazeutischen Unternehmen ein Dorn im Auge.
"HIV muss heute kein Todesurteil mehr sein", sagt Hamied. "Ein Wirkstoff-Cocktail kann das Virus kontrollieren, so dass Aids nur noch zur chronischen Krankheit wird." Aber in den am meisten von Aids betroffenen Ländern der Dritten Welt kann sich kaum ein HIV-Infizierter die lebensverlängernden Pillen leisten. Aus humanitären Gründen habe sich Cipla entschlossen, die Medikamente billiger anzubieten, sagt Hamied. "Aids ist eine vorhersehbare Tragödie, und wir müssen alle zusammen dagegen kämpfen: Pharmafirmen, Hersteller von Generika und auch die Regierungen."
Von Dritte-Welt-Regierungen verlangt Hamied 600 Dollar (669 Euro/9.201 S) pro Jahr und Patient für seinen nachgemachten 3-Komponenten-Cocktail. Der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" überlässt er die Medizin sogar für 350 Dollar (390 Euro/5.367 S). Die Preise der internationalen Pharmagiganten lagen bisher bei bis zu 10.000 Dollar (11.145 Euro/153.352 S). Das indische Billigangebot hat Bewegung in den Markt gebracht. Verschiedene große Pharmafirmen müssen nachziehen und ihre Anti-Aids-Produkte günstiger anbieten.
Lieber Pirat als Völkermörder
In seinen Fabriken in Indien produziert der promovierte Chemiker schon seit 30 Jahren so genannte Generika - exakte Kopien vorhandener Medikamente. Viele der Cipla-Substanzen sind für den Export in die USA und nach Europa bestimmt. Die Produktpalette ist breit gefächert. Von Grippemitteln über Potenzstärker bis hin zu Wirkstoffen gegen Krebs und Aids. Cipla verstößt dabei gegen keinerlei Gesetze, weil das indische Patentrecht nur die Herstellung von Substanzen, nicht aber das Endprodukt schützt. So müssen Generikafirmen lediglich einen eigenen chemischen Weg finden, um ein Produkt nachzumachen.
Nachdem Cipla seine Aids-Cocktail-Kopien auf dem internationalen Markt angeboten hatte, nannte die Pharmaindustrie den Firmenchef einen Piraten, aber diesen Vorwurf will Dr. Hamied nicht verstehen. "Was hat das mit Piraterie zu tun?", fragt der Unternehmer und fügt hinzu: "Auf jeden Fall wäre ich lieber ein Pirat wie Robin Hood als ein Völkermörder."

