Donnerstag, 26. April 2001

SPEZIAL: GEFAHR ATOM

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Am 26. April 1986 geschah der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Atomnutzung: Im ukrainischen AKW Tschernobyl explodierte nach einem Experiment, für das die Bedienungsmannschaft u.a. Sicherheitssysteme blockiert hatte, Reaktor Nummer vier.

Über die Zahl der Opfer der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl herrscht auch nach 15 Jahren weiter große Unklarheit. Wissenschafter und Behörden seien sich auch nicht annäherend einig, und auch die Medien würden unterschiedlichste Zahlen verbreiten, berichtete Heinz-Jörg Haury vom GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (Neuherberg) am Dienstag bei einer Wissenschaftspressekonferenz in Bonn. In den meisten Berichten würden bei Angaben über die Opfer gar keine oder nur unklare Quellen (wie "inoffizielle Schätzungen" oder "westliche Experten") genannt. Um das Ausmaß der Katastrophe zu benennen, müssten offenbar möglichst hohe Opferzahlen herhalten.

Außerdem sei zu beobachten, dass Medien zunehmend einfach die Angaben eines anderen Organs übernähmen, hieß es. Die genannten Zahlen reichten von "Tausenden" über 30.000 bis hin zu einer halben Million.

Realistische Opfereinschätzungen sind heute kaum möglich
Eine annähernd stimmige Zahl der Opfer werde niemals zu ermitteln sein, weil es einfach an ausreichenden epidemiologischen Untersuchungen fehle, sagten Strahlenfachleute aus Deutschland und Mediziner aus der Ukraine übereinstimmend in Bonn. In der Ukraine erhalten die Familien von 15.000 gestorbenen Tschernobyl-Opfern staatliche Zuwendungen. Als am meisten strahlenbelastet gelten nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 800.000 Liquidatoren, meist junge Soldaten, die in der Sperrzone Aufräumarbeiten zu erledigen hatten.

Zweifelsfrei: Tschernobyl war die folgenschwerste Nuklearkatastrophe
Die Explosion im Block 4 des Tschernobyl-Atomkraftwerks am 26. April 1986 gilt - ungeachtet der ungeklärten Opferzahlen - unstrittig als folgenschwerster GAU in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Eine detaillierte Auflistung der gesundheitlichen Schädigung der betroffenen Bevölkerung gibt es bis heute nicht. Nach Einzelstudien wurden in der Ukraine, Weißrussland und Russland höhere Leukämie-Häufigkeiten und bei Kindern vor allem erhöhte Schilddrüsenkrebsraten nachgewiesen.

15 Jahre nach der Atomkatastrophe soll der Unglücksreaktor nun eine neue und dauerhafte Stahlhülle erhalten. Dies sieht eine Vereinbarung zwischen der Regierung der Ukraine und der Osteuropabank (EBWE) vor. Bisher gibt es ein grundsätzliches Einverständnis, aber noch keinen Vertrag.

26.4.2001 15:40