Allein gegen Japan

Der Versuch, eine europäische Motorradholding unter der Führung von KTM zu gründen, ist gescheitert. Jetzt will KTM-Chef Stefan Pierer der japanischen Übermacht auch ohne fremde Hilfe entgegentreten, berichtet FORMAT in der aktuellen Ausgabe.
Mattighofen, eine Fünftausend-Seelen-Gemeinde im südwestlichen Innviertel. Für Motocrossfreaks in aller Welt ist der Ort so etwas wie das Mekka des Motorsports. Die Rallye Paris - Dakar wurde vergangenes Jahr gewonnen. Endlich wieder ein bedeutender Erfolg, seit den glorreichen Tagen des Motocross-Welmeisters Klaus Kinigadner. KTM ist in der "Szene" eine Fixgröße, hat bis in die USA expandiert.
KTM in 5 Jahren Nummer 1 in Europa
Mit durchschnittlich 23 Prozent Umsatzwachstum in den letzten neun Jahren ist KTM längst in die Oberliga der europäischen Motorradhersteller aufgestiegen. Im laufenden Geschäftsjahr, das im August endet, wird KTM erstmals die Drei-Milliarden-Schilling-Hürde überspringen – bei einem Gewinn von voraussichtlich über zehn Prozent. Pierer will aber noch mehr: „Spätestens in fünf Jahren wollen wir in Europa die Nummer eins sein – und BMW überholen.“ KTM hat allerdings ein Problem: 45 % der Bikes werden für das Renngeschäft gefertigt. Die etwas langsamere große Masse kauft weiterhin gerne Maschinen von BMW oder den Japanern.
Holding gescheitert
Das weiß auch KTM-Chef Pierer. Schon 1998 hatte er aus diesem Grund mit Harley-Davidson, Ducati und nicht zuletzt auch mit BMW über einen möglichen Zusammenschluß verhandelt. Allerdings ohne Erfolg. Als nächstes nahm er Moto Guzzi ins Visier. Gemeinsam mit der italienischen Nobelschmiede wollte Pierer den Grundstein für eine europäische Motorradholding legen – unter der Führung von KTM.
Defizit bei Moto Guzzi ließ Deal scheitern
Doch der Moto-Guzzi-Deal platzte. Pierer: „Der Vertrag war bereits unterschriftsreif. Ich habe mich einfach nicht drübergetraut.“ Rückblickend ist Pierer überzeugt, das Richtige getan zu haben: „Moto Guzzi wurde um rund 900 Millionen Schilling von Aprilia übernommen. Wenn ich mir ansehe, was die mittlerweile in das Unternehmen hineinbuttern mußten, so war das selbst für Aprilia ein gewagtes Abenteuer.“
Der Traum von einer europäischen Motorradholding war damit allerdings ausgeträumt. Zwei von drei in Europa verkauften Motorrädern sind japanischen Ursprungs.
Mit 170.000 öS teuren Straßen-Enduro gegen Japan
Pierer versucht seither, allein gegen die japanische Übermacht anzutreten: „Wir haben in den letzten zwei Jahren rund 500 Millionen Schilling investiert, 300 davon allein in Mattighofen.“ Das Ergebnis dieses gewaltigen Einsatzes trägt den Codenamen LC8 und soll nächstes Jahr in den Handel kommen: die weltweit leichteste Zweizylinder-Straßen-Enduro.
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