FORMAT: Beinharte Radikalkur bei Libro angesagt

Libro-Chef André Rettberg steht ein beinhartes Sanierungsjahr bevor. Vier von fünf Bereiche der Handelskette sind negativ. Libro wird wohl in eine Holding umgewandelt. Der Aufsichtsrat verlangt die Konzentration aufs Kerngeschäft und „ordentliche Erträge“.
Stolze 600 Millionen Schilling war das Aktienpaket von Libro-General André Rettberg vor einem Jahr noch wert. Der gelernte Buchhändler hält 7,4 Prozent an der Handelskette. Heute würde er dafür allerdings nur noch 75 Millionen bekommen. Der Mann hat, was den Stand seines Wertpapierkontos betrifft, über eine halbe Milliarde abgelegt. Das mag manchen Anleger über eigene Verluste trösten.
Nach dem dramatischen Absturz von Libro – die Aktie verlor gegenüber ihrer Höchstnotierung an die neunzig Prozent – ist jetzt eine beinharte Radikalkur angesagt. Der 51jährige frühere Auricon-Manager Werner Steinbauer wurde als neuer Finanzvorstand und Sanierer bestellt. Rettberg, bislang Alleinherrscher, verliert seine Machtfülle. Er soll sich künftig vor allem um Strategien kümmern. Die operative Führung wandert in Tochtergesellschaften. Aufsichtsratspräsident Kurt Stiassny, Chef des Libro-Miteigentümers UIAG, gesteht den „Abschied von hochfliegenden Plänen“ ein. Der Filialist besinnt sich auf seine Wurzeln als Diskonter: billige Bücher anstatt Tainmentphilosophie.
Massive Schnitte nötig
Die diese Woche präsentierten Zahlen für das mit Ende Februar abgelaufene Geschäftsjahr zeigen die Dringlichkeit massiver Schnitte. Von fünf Konzernbereichen schreibt nur einer schwarze Zahlen. Laut einer Analyse der Ersten, die der Endbilanz sehr nahe kommt, erzielt nur Libro Österreich ein positives Betriebsergebnis vor Abschreibungen (EBITDA): rund 350 Millionen Schilling. Libro Deutschland (minus 110 Millionen), die Buchkette Amadeus (minus 50 Millionen), die Entertainmentsparte (minus 40 Millionen) und die Internettochter Lion.cc (minus 300 Millionen) sind bei dieser wichtigsten Ertragskennzahl negativ. Das gesamte EBITDA wird bei minus 150 Millionen liegen.
Verlustspielraum
Nach Abschreibungen und Bankzinsen müßte der Konzernverlust demnach rund 450 Millionen betragen. Allerdings ergibt sich durch die Abspaltung des Webportals Lion, das Libro seit November nicht mehr belastet, ein buchhalterischer Gewinn von bis zu 380 Millionen. Der ausgewiesene Verlust wird davon abhängen, wie weit dieser Bilanzierungsspielraum letztlich genutzt wird.
Um heuer den Turnaround zu schaffen, werkt der neue Finanzchef Steinbauer an einem Umbau der Firmenstruktur. Offiziell wird „noch geprüft“, tatsächlich ist es so gut wie fix: Die Libro AG (Umsatz: 5,5 Milliarden) wird eine Holding, die diversen Bereiche wie Libro Österreich bekommen eigenverantwortliche Managements. Michael Höferer, Ex-Chef der Österreich Werbung, würde nur beim Erhalt der jetzigen Konzernstruktur in den Vorstand rücken. Seine Chancen sind daher gering.
- Für Deutschland, wo achtzehn Filialen betrieben werden, gilt die Devise: Einen Partner finden und mit diesem weiter expandieren. Wenn das nicht gelingt, wird sich Libro aus diesem Markt verabschieden.
- Die Expansion in weitere Länder, vor allem nach Osteuropa, ist auf Eis gelegt.
- In Österreich wurden viele Filialen erweitert und sind jetzt zu groß. Diese Standorte sollen in Amadeus-Filialen umgewandelt oder untervermietet werden.
- Das Sortiment in den 270 Libro-Outlets wird massiv reduziert, weil sich viele Artikel nicht rechnen. So gibt es die Überlegung, den Handyverkauf aufzugeben. Die 29 Amadeus-Buchläden sollen sich als Nobelmarke deutlicher abheben.
- Lion.cc wird mittlerweile komplett vom deutschen Medienkonzern WAZ finanziert, der 35 Prozent am Unternehmen hält. Lion-Vorstand Heinz Lederer konnte die monatlichen Verluste „unter zehn Millionen Schilling“ drükken. Libro hofft nun auf Erlöse durch weitere Anteilsverkäufe.
Entscheidende Phase
André Rettberg, immer noch einer der profiliertesten Retailer des Landes, steht unter Zeitdruck. Die Milliarde von der Börse ist verbraucht. Die Finanzverbindlichkeiten stiegen um über fünfzig Prozent auf 1,6 Milliarden. Viel Geld für die Sanierung ist nicht mehr da. Die nächsten Monate entscheiden.
Auch der Libro-Partner Telekom Austria denkt über die Zukunft nach. Die TA hat für einen Viertelanteil an Libro
1,2 Milliarden gezahlt und eine Milliarde davon verloren. Kooperationen kamen weder im Internet noch in den Shops zustande. TA-Boß Heinz Sundt hat die Beteiligung daher gänzlich abgeschrieben, jeder Verkaufspreis wäre somit ein künftiger Bilanzgewinn. Sollte statt der Telekom ein Handelskonzern als Partner einsteigen, könnte Libro damit gut leben. Derzeit ist jedoch keiner in Sicht.
Immerhin: Ihr Investment – 1,1 Milliarden an Gründer Karl Wlaschek – haben die Libro-Eigner, darunter Rettberg und die UIAG, durch den Telekom-Einstieg und ausbezahlte Dividenden schon mehr als zurückverdient.
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