Viele Kleinhändler u. Handwerker bankrott

Nach zwei Monaten Wirtschaftskrise ist das Vertrauen der Türken in die Politik dahin. Was bleibt, ist Wut. Sie treibt die Menschen auf die Straße. Wut auf das Geld, das immer weniger wert ist. Auf die Korruption, die einigen wenigen in staatlichen Schlüsselstellungen zu satten Gewinnen verhilft. Und natürlich Wut auf die Politiker, die der ganzen Misere offenbar hilflos zugesehen haben.
"Ich weiß nicht mehr, wie ich meinen Kindern etwas zu essen kaufen kann", erregt sich Elmas, ein Angestellter der Istanbuler Stadtverwaltung. Wie Zehntausende ist auch Elmas zu der großen Samstagdemonstration in den Istanbuler Stadtteil Sisli gekommen. "Geld für die Arbeiter, nicht für die Korruption!" steht auf einem Spruchband über ihm.
Das am Wochenende von Wirtschaftsminister Kemal Dervis präsentierte Sanierungsprogramm beruhigt die Zukunftsängste vieler Türken nicht. Allein in Istanbul demonstrierten wieder 30.000 Menschen gegen die Drei-Parteien-Koalitionsregierung von Ministerpräsident Bülent Ecevit. "Dervis, geh zurück nach Amerika!", schrieben sie auf ihre Transparente. Bis vor kurzem war Dervis Vizepräsident der Weltbank in Washington. Schon in den Tagen zuvor protestierten landesweit Hunderttausende gegen die Krise und gegen die Regierung, der sie die Schuld an der Misere geben.
Türkische Lira verlor in zwei Monaten 40% an Wert
Was Wirtschaftskrise im Alltag bedeutet, können die Türken derzeit in ihren Portemonnaies sehen. Das Leben wird immer teurer. Das türkische Pfund (Lira) hat in den vergangenen zwei Monaten über vierzig Prozent seines Werts verloren. Nicht nur Studenten und Gewerkschafter gingen deshalb in vielen Städten des Landes auf die Straße, auch Kleinhändler und Handwerker. Seit das Wirtschaftsleben praktisch zum Stillstand gekommen ist, fehlen ihnen die Kunden. Die hohe Inflation frisst die Ersparnisse. Und die Banken verlangen für Kredite immer höhere Zinsen.
"Die Krise macht die Kleinhändler kaputt", sagt Munur Aydin, Sprecher der "Arbeitsplattform", die die Großkundgebung in Istanbul organisiert hat. "Diejenigen, die das Land in die Krise getrieben haben, müssen den Preis dafür zahlen", fordert sein Kollege Kaya Güvenc. Er verlangt Beschäftigungsgarantien für Arbeitnehmer und ein Ende der Massenentlassungen. Im neuen Reformprogramm der Regierung ist davon freilich nichts zu finden.
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