Dienstag, 17. April 2001

Eskalation führt nicht zur Abschreckung

Der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer (Bild) hatte eine düstere Vorahnung: "Die Lage entwickelt sich nicht zum Besseren, und die Eskalation könnte sogar zu einer regionalen Verschlechterung führen", warnte der Ex-Brigadegeneral vor Funktionären seiner Arbeiterpartei.

Wenige Stunden zuvor hatten israelische Kampfflugzeuge eine syrische Radarstation im Libanon zerstört und dabei drei Syrer getötet. Am Abend feuerten Palästinenser vom Gaza-Streifen Mörsergranaten in Richtung Israel und zielten dabei auf die Stadt Sderot in der Wüste Negev. Eine heftige militärische Reaktion Israels war die Folge.

Zweifrontenkrieg droht: Die Autonomiegebiete und der Südlibanon
Ein Albtraum der israelischen Armee droht Wirklichkeit zu werden. Nicht genug, dass die Lage im Gaza-Streifen und im Westjordanland fast täglich eskaliert. Die Geheimdienste Israels fürchten, dass die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah die Lage ausnutzen wird, um Israel im umstrittenen Grenzgebiet der so genannten Shebaa-Farmen in einen größeren Konflikt mit seinen arabischen Nachbarn zu ziehen.

Die Israelis, die im Februar mit überwältigender Mehrheit für den "Falken" Ariel Sharon stimmten, weil er ihnen "Sicherheit" versprach, könnten über Nacht in einen Zwei-Fronten-Konflikt hineingezogen werden, der kaum mehr zu kontrollieren wäre. "Die Gewalt (...) droht die gesamte Region in einen Strudel hineinzuziehen, über den es keine Kontrolle mehr gibt", meinte der Medienkommentator Nachum Barnea am Dienstag. Die Kämpfe seien bereits so intensiv, dass "es schwer zu sagen ist, welche Seite damit begann und welche reagierte".

War der Rückzug aus dem Südlibanon doch der falsche Weg?
Wieder haben die Pessimisten Recht behalten, die den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak vor einem Jahr vor einem einseitigen Truppenrückzug aus dem Südlibanon warnten. Ohne ein Friedensabkommen mit dem Libanon und Syrien, so mahnten Baraks Generäle, würden die Provokationen an Israels Nordgrenze weiter gehen. Schlimmer noch: Der (am Ende überhastet wirkende) Rückzug könnte von den Palästinensern als Aufforderung zum bewaffneten Widerstand verstanden werden.

Die Ereignisse der vergangenen sieben Monate haben die Warner bestätigt. Kurz vor dem israelischen Truppenabzug Ende Mai 2000 kam es bereits zu den ersten blutigen Ausschreitungen der Palästinenser mit Hunderten von Verletzten. Militante Palästinenserführer haben in der libanesischen Hisbollah-Miliz ihr militärisches Vorbild gefunden. Auch der Fatah-Führer im Westjordanland, Marwan Barguti, scheute sich nicht, immer wieder das libanesische Vorbild zu zitieren, wenn es um den Befreiungskampf ging. Selbst Präsident Yasser Arafat konnte die Entwicklung nicht mehr stoppen, obwohl er im Sommer 2000 mehrfach warnte: "Palästina ist nicht Libanon".

Israel macht Syrien für die Eskalation verantwortlich - zu recht?
Alle israelischen Kommentatoren waren sich am Dienstag in der Beurteilung der Krisenlage einig: Sie machten den syrischen Präsidenten Bashar el Assad für den jüngsten Zwischenfall an der Grenze verantwortlich. Der israelische Ministerpräsident Sharon, der sich trotz der täglich düsterer werden Aussichten wachsender Beliebtheit erfreut, habe keine andere Wahl gehabt, als einen Vergeltungsangriff gegen Einrichtungen der Soldaten aus Damaskus zu fliegen.

Doch angesichts der bedrohlichen Eskalation wurden auch Warnungen laut. "Die Regierung will unter anderem auch die militärische Abschreckungskraft Israels wieder beleben", meinte Barnea in der Tageszeitung "Yediot Aharonot", "doch jahrelange Erfahrung hat uns gelehrt, dass die Eskalation militärischer Aktionen nicht zur Abschreckung, sondern zum Krieg führt."

17.4.2001 15:52