Nach Ja zu Sterbehilfe Debatte um "Selbstmordpille"

Nach der Verabschiedung des weltweit ersten Gesetzes über Sterbehilfe für Kranke wird in den Niederlanden nun über eine so genannte "Selbstmordpille" für lebensmüde alte Menschen diskutiert. Angestoßen wurde die Debatte am Wochenende durch die holländische Gesundheitsministerin Els Borst.
In einem Interview mit der Zeitung "NRC Handelsblad" erklärte sie, "nichts dagegen" zu haben, dass alten Menschen auf diese Weise das Recht auf selbstständige Beendigung ihres Lebens gewährt werde. Der Vorstoß der Ministerin stieß bei Vertretern von Regierungs- und Oppositionsparteien auf Kritik.
Borst: Unabhängige Kommission soll Anwendung kontrollieren
Nach Ansicht Borsts sollte die Selbstmordpille für Alte - unabhängig von dem am vorigen Dienstag verabschiedeten Gesetz zur aktiven Sterbehilfe durch Ärzte - ermöglicht werden. Voraussetzung für die Gewährung der "Todespille" müsse die Zustimmung durch eine unabhängige Kommission sein, meinte die Politikerin von der linksliberalen Partei D66. Die Kommission müsse jeden Fall im Voraus prüfen, meinte die Ministerin, die das Euthanasie-Gesetz im Parlament vertreten hatte. Schon 1991 hatte ein Mitglied des Hohen Rats, des höchsten juristischen Gremiums der Niederlande, für die Gewährung von "Todespillen" für lebensmüde alte Menschen plädiert.
Ärzte sollten die tödliche Pille "nur sehr alten Menschen" verschreiben dürfen, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben, führte die Ministerin aus. Sie selbst habe zwei 95-Jährige gekannt, die des Lebens überdrüssig waren. "Sie wollten nicht, dass ein Arzt sie tötet, sie wollten es selbst tun, als einen letzten Akt der Willenskraft", sagte Borst. Die Sterbehilfe nach dem niederländischen Euthanasie-Gesetz wird voraussichtlich bereits in der zweiten Jahreshälfte in den Niederlanden umgesetzt werden können.
Die niederländische Regelung verstoße eindeutig gegen das Tötungsverbot der europäischen Gesetze und gegen ein Votum des Europäischen Parlaments gegen aktive Sterbehilfe von 1999. Gerade im Hinblick auf die geplante europäische Verfassung seien Widersprüche zwischen den EU-Staaten bei der Bewertung von Euthanasie nicht akzeptabel, sagte Brysch. Selbstmord und Euthanasie könnten keinesfalls zur europäischen Staatsdoktrin erklärt werden.
Kirchen in Österreich und Deutschland verurteilen Euthanasie
In Deutschland und in Österreich stößt aktive Sterbehilfe in der öffentlichen Diskussion weiter auf breite Ablehnung. Führende Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen verurteilten am Osterwochenende einhellig das niederländische Euthanasiegesetz. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, schrieb in seiner Osterbotschaft, beide Kirchen könnten gemeinsam bekennen, "dass Gott Leben und Sterben in seiner Hand hält". Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, nannte Sterbehilfe "nicht mit dem hippokratischen Eid vereinbar".
Auch in Frankreich Mehrheit für aktive Sterbehilfe
Wie in Deutschland ergab auch eine Meinungsumfrage in Frankreich, dass ein Großteil der Bevölkerung für aktive Sterbehilfe ist. Bei der Umfrage des Instituts Ifop für die Pariser Zeitung "Le Journal du Dimanche" sprachen sich 38 Prozent uneingeschränkt dafür aus, nach dem Vorbild der Niederlande bei unerträglichen Leiden eine aktive Sterbehilfe zuzulassen. 50 Prozent befürworten ein Gesetz für Sterbehilfe "in bestimmten Fällen".
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