Montag, 16. April 2001

Moskaus Bürgermeister Luschkow "nicht beunruhigt"

Der Kreml-kritische russische Fernsehsender NTW hat den Kampf um seine Unabhängigkeit verloren. Im Handstreich übernahm am Wochenende der neue Eigentümer, der halbstaatliche Erdgaskonzern Gasprom, die Senderzentrale und Redaktion von NTW und sperrte eine Reihe von unerwünschten Redakteuren und Mitarbeitern aus.

Diese wechselten kurz darauf zur Konkurrenz, um dort nach russischen Zeitungsberichten vom Montag eine neue, regierungskritische Berichterstattung aufzubauen. Einer dieser Sender, der Spartenkanal TNT, geriet am Montag bereits in das Visier der Steuerbehörden.

Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow zeigte sich durch den Wachwechsel bei NTW "nicht beunruhigt". "Es musste früher oder später zu Ende gehen", sagte er nach Angaben der Agentur Interfax am Montag zu den Vorgängen. "Ich sehe das gelassen." Schließlich könne der neue Eigentümer im Rahmen der Gesetze "eigene Entscheidungen treffen". NTW war Teil des hoch verschuldeten Medienunternehmens von Wladimir Gussinski, der für Kredite in dreistelliger Millionenhöhe von Gasprom Aktienpakete von NTW als Sicherheit hinterlegt hatte.

Der vom Staat kontrollierte Energiekonzern und NTW-Hauptaktionär Gasprom hatte am frühen Samstagmorgen im Handstreich das Sendezentrum des landesweit ausgestrahlten Fernsehkanals NTW im Norden Moskaus übernommen. Kritiker sehen in der Übernahme einen Versuch der russischen Staatsführung, den bisher kritischen und populären Sender auf Linie bringen zu wollen.

40 NTW-Journalisten bereits entlassen
Die neue NTW-Führung kündigte am Wochenende 40 NTW-Journalisten. Unmittelbar nach der Übernahme wurden eine Reihe von kritischen Magazinen und politischen Talkshows aus dem Programm gestrichen. Gussinski selbst erklärte dazu in einem Interview der Wochenzeitung "Nowaja Gaseta", dass "die Zeiten zurückgekehrt sind, in denen Menschen, die nur frei arbeiten wollen, unter Druck gesetzt werden".

Der frühere NTW-Generaldirektor Jewgeni Kisseljow dementierte am Montag Berichte, dass ehemalige Mitarbeiter die Redaktionsräume und Zentrale des Senders im Sturm zurückerobern wollten. "Schon allein die Verbreitung derartiger Gerüchte ist eine Provokation", sagte er der Radiostation "Echo Moskwy". Er und eine Reihe von Redakteuren hätten NTW verlassen, um "alles neu zu beginnen".

Ex-NTW-Chef Kisseljow geht zum Konkurrenten TW-6
Kisseljow wurde am Samstag zum amtierenden Generaldirektor des Senders TW-6 ernannt, der zum Unternehmensbereich des beim Kreml in Ungnade gefallenen Finanzmagnaten Boris Beresowski gehört. Ein Teil der ausgeschiedenen NTW-Redakteure solle bei TW-6 unterkommen. Andere NTW-Mitarbeiter hatten die Arbeit beim Sender TNT aufgenommen, der zu Gussinskis Media-Most gehört. Am Sonntag moderierte Kisseljow im unabhängigen, aber nicht landesweit zu empfangenden Sender TNT seine Politsendung "Itogi".

Die russischen Behörden eröffneten am Montag ein Verfahren gegen die TNT-Chefbuchhalterin Jelena Metlikowa wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Auch gegen TNT-Generaldirektor Pawel Kortschagin solle noch in dieser Woche wegen des selben Delikts ein Verfahren eingeleitet werden, berichtete die Agentur Interfax. Ihr gemeinsamer Anwalt Pawel Astachow erklärte, die Ermittlungen stünden im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen rund um NTW und dem Wechsel von NTW-Mitarbeitern zu TNT.

Gorbatschow: Putin soll Fall NTW untersuchen lassen
Eine Expertenkommission unter Leitung des letzten sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow hat Präsident Wladimir Putin aufgefordert, eine Untersuchung im Fall NTW einzuleiten. Darin sollten die Vorwürfe von Willkür und Behinderung der journalistischen Arbeit geklärt werden. Vor einem Moskauer Gericht soll Anfang Mai verhandelt werden, ob die Übernahme von NTW durch Gasprom, und die Ernennung von Boris Jordan zum neuen Generaldirektor Rechtens waren.

16.4.2001 15:59