"Wir müssen alle unsere Gürtel enger schnallen"

Mit einem Programm zur Wirtschaftssanierung will die türkische Regierung der Finanzkrise ihres Landes Herr werden. Der neue Wirtschaftsminister Kemal Dervis stellte das Programm am Samstag vor. "Unser Ziel ist es, die Türkei wieder auf den Weg des Wachstums zu bringen", erklärte Dervis.
Von den Maßnahmen erhofft sich die Regierung weitere Auslandskredite. Ankara braucht zur Bewältigung der Krise nach eigenen Angaben umgerechnet rund 155 bis 190 Mrd. Schilling (11,25 bis 13,80 Mrd. Euro).
Wachstum sei aber ein langfristiger Prozess, betonte Dervis, der früher Vizepräsident der Weltbank war. Die Maßnahmen seien nicht nur ein Stabilisierungsprogramm, erklärte Dervis. "Wir müssen alle unsere Gürtel enger schnallen." Die Bevölkerung in der Türkei klagt allerdings bereits jetzt über die steigenden Preise, und Rufe nach einer Umbildung der Regierung wurden laut. Dervis warnte, dass Reformen notwendig seien, um das Land vor zu hoher Verschuldung zu bewahren. Die Verschuldungsquote sei bereits auf 65 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegen.
Finanzkrise durch Streit in der Regierung ausgelöst
Auslöser der Finanzkrise war ein Streit zwischen Ministerpräsident Bülent Ecevit und Staatspräsident Nexdet Sezer im Februar. Die türkische Zentralbank hatte daraufhin den Kurs der Lira freigegeben, die seitdem mehr als 40 Prozent an Wert zum Dollar einbüßte. An den Finanzmärkten war zudem befürchtet worden, die in Devisen verschuldeten türkischen Banken könnten ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen.
Ungeachtet eines Versammlungsverbots in zwölf türkischen Städten haben Gewerkschaften des Landes für Samstag zu landesweiten Massenprotesten aufgerufen. Die Behörden hatten das Versammlungsverbot nach einer Demonstration von etwa 70.000 Kleinunternehmern am Mittwoch in Ankara verhängt. Bei der Kundgebung war es zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen, bei denen über 200 Menschen verletzt wurden.
Tausende Menschen demonstrieren gg. Regierung
Tausende Menschen haben in Istanbul erneut gegen den Umgang der türkischen Regierung mit der aktuellen Wirtschaftskrise demonstriert. Umgeben von starkem Polizeiaufgebot versammelten sich Samstag früh Studenten, Arbeiter und Geschäftsleute auf den Straßen der Stadt. Auf Spruchbändern und Plakaten forderten sie unter anderem sichere Arbeitsplätze. Der Sprecher einer Gewerkschaftsvereinigung kündigte Proteste auch für 55 weitere türkische Städte an. Die Gewerkschaft Kesk teilte mit, sie werde das in 20 Städten aus Angst vor Ausschreitungen verhängte Demonstrationsverbot nicht beachten.

