Unmut über türkische Finanzkrise wächst

Beim morgendlichen Einkauf bei ihrem Lebensmittelhändler erleben in diesen Tagen viele Türken eine böse Überraschung. Das Gitter ist herunter gelassen, die Tür verschlossen - die Krise hat einen weiteren Händler dahin gerafft.
Tausende Kleinunternehmen haben die seit Wochen dauernde Wirtschafts- und Finanzkrise nicht überlebt, mehr als 100.000 Menschen sollen bereits ihre Arbeit verloren haben. Jeden Tag fordert die Krise weitere Opfer - doch die Regierung bittet die Menschen immer wieder um Geduld und vertröstet sie mit einem baldigen Programm zur Rettung der Wirtschaft.
"Die Regierung hat zu spät Maßnahmen gegen die Krise getroffen", meinte auch die einflussreiche Vereinigung der Handels- und Warenbörsenkammern (TOBB) und fordert den Rücktritt der Regierung unter Ministerpräsident Bülent Ecevit. Seit 50 Tagen mache die Regierung nichts und schaue dem "Ausbreiten des Brandes" nur zu, sagte TOBB-Chef Fuat Miras. Unterdessen nimmt die Verzweiflung und die Wut der Kleinunternehmer zu: Heute kam es in mehreren Städten erneut zu Massenprotesten. Bei schweren Straßenkämpfen zwischen den Demonstranten und der Polizei wurden in Ankara zahlreiche Menschen verletzt.
Die Demonstranten fordern den Rücktritt der Regierung und wollen den 76 Jahre alten Ecevit in den Ruhestand schicken. "Jetzt reicht es" und "Wir haben Hunger" stand auf vielen Plakaten. Nachdem die Lira in den vergangenen Wochen im Vergleich zum Dollar um mehr als 40 Prozent an Wert verloren hatte, haben sich die Schulden vieler Türken, die Dollar-Kredite aufgenommen haben, deutlich erhöht. Auf Grund der Krise zahlen viele Unternehmen zudem 30 bis 40 Prozent weniger Lohn aus. Gleichzeitig steigen die Preise weiter an: Benzin, Gas, Zucker, Zigaretten, Alkohol - alles wird teurer.
"Die brauche ich jetzt nicht mehr, Herr Ministerpräsident", meinte ein Händler und warf Ecevit in Ankara vor kurzem seine leere Registrierkasse vor die Füße. Zahlreiche Geschäfte können keine Waren mehr liefern, weil sie sich Importe nicht mehr leisten können. Importierte Medikamente für Krebs- und Herzkranke werden Berichten zufolge bereits knapp. In den Zeitungen gibt es unterdessen Tipps, wie die Bürger "die schwerste Krise der türkischen Republik" überstehen und wo sie Geld sparen können. So sollen die Menschen nur noch nach 21 Uhr telefonieren, weniger Rauchen, Reparaturarbeiten aufschieben, mehr zu Fuß gehen statt Taxi zu fahren und Glühbirnen mit niedriger Wattzahl verwenden.
Die Regierung sucht indessen nach einem Weg aus der Krise und will noch in dieser Woche ein umfassendes Programm vorstellen. Außerdem hofft Ankara auf Hilfen in Milliarden-Höhe aus dem Ausland. An einen Rücktritt denkt Ecevit aber nicht: "Wenn sie einen Rücktritt fordern, müssen sie auch eine Alternative vorschlagen", sagte er. "Ich glaube nicht, dass die Suche nach einer neuen Regierung dem Land helfen würde und deshalb bleibe ich auf meinem Posten." In den Medien wird mittlerweile über Alternativen diskutiert: Die Vorschläge reichen von einer Kabinettsumbildung bis zu einer Technokraten-Regierung um Wirtschaftsminister Kemal Dervis. Bei Demonstrationen werden vereinzelt auch Rufe nach dem mächtigen Militär laut - doch die Generäle weisen Spekulationen über ein Eingreifen zurück.
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