Dienstag, 10. April 2001

"Wahrhaftige Krise" und erste Lektion für Bush

Den Streit zwischen Peking und Washington um das amerikanische Spionageflugzeug kommentieren mehrere Zeitungen am Dienstag.

"Le Figaro" (Frankreich)
"Die Kraftprobe dauert jetzt schon zehn Tage. Die Sache kann nicht mehr als ein 'Vorfall' eingestuft werden, der rasch vergessen wird. Es ist eine wahrhaftige Krise, aus der man bereits auch einige Lehren ziehen kann. Zunächst einmal spielt sich das Ringen völlig lautlos ab. Europa zählt die Punkte, als ob es beruhigend wäre zu sehen, dass die neue amerikanische Regierung ihre erste Prüfung sehr weit von uns auf der anderen Seite des Planeten zu bewältigen hat. In jedem Fall hat sich bisher niemand hinter die USA gestellt. George W. Bush muss sich ziemlich allein fühlen. Das ist eine erste Lektion für jemanden, der nicht zögert, die Zustimmung seines Landes zu einem Vertrag wie dem Klima-Abkommen von Kyoto zurückzuziehen: Im 21. Jahrhundert ist einseitiges Handeln aus der Mode gekommen, auch dann, wenn es von dem Land des Sternenbanners ausgeht."

"La Repubblica" (Italien)
"Die strengen Meister der Realität - die Börse, China, die Wirtschaft, Europa und der amerikanische Senat - sind dabei, den Präsidenten George W. Bush nach seinen ersten hundert Schultagen durchfallen zu lassen. Die Versprechen des Kandidaten George werden eines nach dem anderen zu Niederlagen des Präsidenten George. (...) In den ersten drei Monaten seiner Amtszeit war er gezwungen, genau das Gegenteil dessen zu tun, was er versprochen hatte: Er musste folgen. Von der Krise mit China bis zu den Steuern, von den Finanzen bis zur Umwelt, von der internationalen Politik bis zum wirtschaftlichen Aufschwung, der bröckelt. Der Fall des Spionageflugzeuges und der 24 Insassen, die inzwischen seit mehr als einer Woche Geiseln der Chinesen sind, ist die symbolische und sichtbare Krönung dieser harten Lehrzeit."

"Wall Street Journal"
"Auch wenn es nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird: Die chinesische Führung tut George W. Bush einen Gefallen, indem sie ihr Spiel mit dem US-Spionageflugzeug spielt. Sie erleichtert es dem Präsidenten, einen Konsens innerhalb der politisch rechten Mitte in der Haltung gegenüber China herzustellen. Im Moment wetteifern bei den Konservativen noch drei Lager um die Meinungsführerschaft in der China-Politik: Da sind diejenigen, die China für die Sowjetunion unserer Tage halten. Ihr Ansatz: China will Ostasien dominieren, wenn nicht sogar die ganze Welt. Das Land muss mit den gleichen Mitteln bekämpft werden wie einst das Sowjetreich: Handelssanktionen, Exportkontrollen, Wettrüsten, diplomatische und moralische Ächtung. Je schwächer China ist, desto besser..."

"La Nouvelle Republique du Centre-Ouest" (Tours)
"Ganz offensichtlich hat Bush, der sich zusammenriss, um nicht zu brutal zu erscheinen, nun genug von den chinesischen Feinheiten. Bedauern - Yes, Entschuldigung - No! Das Reich der Mitte hat sich erheblich entwickelt. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg kommt sein altes Vormachtstreben in der Region wieder auf. Das verstärkt sich durch eine Identitätskrise der Kommunistischen Partei, dem letzten Dinosaurier, der sich immer noch nicht zu entwickeln weiß."

10.4.2001 09:04