Samstag, 7. April 2001

Kurse um neunzig Prozent und mehr gefallen

Der endlose Absturz der High-Tech-Werte scheint langsam ein Ende zu finden. Nachdem die Kurse um neunzig Prozent und mehr gefallen sind, stehen viele Anleger vor einem Scherbenhaufen: Neunzig Milliarden Schilling haben sich in Luft aufgelöst.

Wochenlang mußte sich Jeff Bezos (Bild) verhöhnen lassen. Der Amazon-Gründer hatte vor einem Jahr in aller Offenheit – und zum Entsetzen von Fondsmanagern und Analysten – vor dem Kauf seiner Aktien gewarnt. Sie seien für private Anleger viel zu riskant und zu hoch bewertet.

Zunächst als aktionärsschädigendes Verhalten gebrandmarkt, dürfen sich heute alle glücklich schätzen, die dem Rat des Internet-gurus gefolgt sind. Der Krach auf Raten, in dessen Verlauf die Kurse der einst gefeierten Dotcom-Stocks am Neuen Markt um 85 Prozent nach unten geprügelt wurden, hat tiefe Spuren in den Depots der Anleger hinterlassen. Die Bilanz des Desasters erreicht bislang unbekannte Dimensionen. Weltweit haben allein die Technologieaktien nach Schätzungen von Dresdner Kleinwort Wasserstein 5.800 Milliarden Dollar an Wert verloren. Die Verluste in der Old Economy mitgerechnet, dürften Aktieninvestoren im vergangenen Jahr imposante 9.700 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt haben – mehr als die fünfzigfache jährliche Wirtschaftsleistung Österreichs.

Crash made in Austria
Die allgemeine Baisse machte auch vor der Wiener Börse nicht halt. Die Austro-Stocks aus den Technobranchen, egal ob in Wien notiert oder am Neuen Markt, brachten den Anlegern bis auf wenige Ausnahmen herbe Verluste. Das gilt vor allem für viele neu emittierte Aktien aus den Bereichen Internet, Telekom und Software. Noch vor einem Jahr rauften sich die Investoren darum, bei Börsengängen wenigstens einige Stücke zu bekommen. Denn viele Unternehmen nützten die Gunst der Stunde und stürmten an die Börse. Weitgehend unbekannte High-Tech-Unternehmen wie Fabasoft, Beko, Update oder Yline, aber auch arrivierte Konzerne wie Libro oder Telekom Austria holten sich für mehr oder weniger solide Geschäftsideen das nötige Kapital von der Börse. Heute sind die einst begehrten Papiere oft nur einen Bruchteil dessen wert, was die Altaktionäre beim Börsengang dafür einstreiften.

97 Prozent Kursverlust
Die Verluste waren dabei mindestens ebenso spektakulär wie die vorangegangenen Gewinne. Wenn besorgte Börsengreenhorns Investmentprofis mit der Frage belästigen, wie weit denn eine Aktie noch fallen könne, lautet die leicht genervte Standardantwort: bis auf Null. Den praktischen Wert dieser sarkastischen Replik beweist der Kursverlauf der Fabasoft-Aktie. Bei 8,33 Euro emittiert, legte das Papier des Spezialisten für CRM-Software zunächst einen fulminanten Höhenflug hin und erreichte sogar Kurse von über 60 Euro. Ehe der Absturz kam. Konnte ein Anleger im März 2000 um den Preis einer Fabasoft-Aktie noch ein delikates Dinner in einem Gourmet-tempel finanzieren, so reicht das Geld heute für eine Schachtel Marlboro – freilich nicht für eine ganze, bloß für elf Zigaretten.

Ähnlich schlimm sind die Relationen bei update.com. Der Konkurrent von Fabasoft – emittiert bei 23 Euro – kollabierte auf derzeit 1,85 Euro, ein Minus von 92 Prozent beziehungsweise 2,7 Milliarden Schilling. In absoluten Zahlen macht jedoch Heinz Sundt niemand den ersten Platz unter den Kapitalvernichtern streitig. Regierte der Telekom-Austria-Chef bei der Emission im vergangenen Herbst noch ein 62-Milliarden-Schilling Unternehmen, so ist der Börsenwert mittlerweile auf 39 Milliarden gefallen.

Kätzchen statt Löwe
Zu den renommierten Topverlierern zählt auch die Handelskette Libro. Die Aktie wurde in der Vorwoche erstmals unter 10 Euro gehandelt. Die Internettochter lion.cc, in die Hunderte Millionen Schilling Anlegergeld aus dem Börsengang floß, entwickelte sich nicht zum Löwen des Cyberspace, sondern verkam zum rachitischen Kätzchen. Die Rechnung für Anleger, die bei der Emission eingestiegen sind: Statt 3,8 Milliarden Schilling ist der Buchhändler bloß noch 1,3 Milliarden Schilling wert.

Lange Liste. Beko, Blue C, Cybertron, Yline – die Liste der Austronieten läßt sich fast beliebig verlängern. In Summe haben österreichische Technologieunternehmen gegenüber ihren Höchstkursen rund 90 Milliarden Schilling an Börsenwert verloren. International gesehen ist das immer noch läppisch, allein bei Microsoft errechnet sich ein Wertverlust von rund fünf Billionen Schilling.

Lesen Sie den kompletten Artikel in der aktuellen Ausgabe des Wochenmagazins "FORMAT".

7.4.2001 14:59