Samstag, 7. April 2001

Kreml-kritischer Sender NTW soll unabhängig bleiben

Gegen die Gleichschaltung der russischen Medien: Mehrere tausend Menschen haben am Samstag in Moskau für die Unabhängigkeit des Kreml-kritischen Fernsehsenders NTW demonstriert.

Den gegen die Übernahme durch das staatliche Energieunternehmen Gasprom kämpfenden Journalisten sicherten die Demonstranten vor der Sendezentrale im Viertel Ostankino ihre Unterstützung zu. In strömendem Regen harrten die Menschen aus und schwenkten Plakate mit Slogans wie "Verteidigt NTW" oder "Schützt uns vor Lügen". Ein Vertreter der Journalisten kündigte an, die Belegschaft werde "bis zum Letzten" gegen die Übernahme kämpfen.

"Solange Ihr uns unterstützt, können wir weiter arbeiten und unseren Job professionell machen", versicherte der abgesetzte Chefredakteur Jewgeni Kiseljow (kl. Bild) der Menge. "Wir zählen auf Euch!" Für Sonntag wurde eine weitere Protestaktion in Sankt Petersburg angekündigt. Die NTW-Mitarbeiter demonstrieren seit Dienstag gegen die Übernahme durch Gasprom und die Einsetzung einer neuen Führungsriege. Sie fürchten, dass dem Kreml-kritischen Sender durch die quasi-staatliche Übernahme ein Maulkorb verpasst werden soll. Verhandlungen zwischen der Belegschaft und der neuen Führung waren am Freitag vorerst gescheitert.

Ein NTW-Starreporter scherte unterdessen aus den Reihen der demonstrierenden Mitarbeiter aus und kündigte seinen Rücktritt an. Er warf dem an der Spitze des Aufstands stehenden Ex-Chefredakteur Kiseljow vor, ihm gehe es bei den Protesten nur um Machterhalt. Leonid Parfjonow veröffentlichte in der Wirtschaftszeitung "Kommersant" einen Offenen Brief, in dem er mit Kiseljow abrechnete.

Parfjonow: Mitarbeiter werden als "Kanonenfutter und Geiseln" missbraucht
Parfjonow warf seinem Ex-Chef vor, seine Mitarbeiter als "Kanonenfutter und Geiseln" zu missbrauchen und es darauf anzulegen, ein gewaltsames Vorgehen der Polizei zu provozieren. "In unserer Zentrale, unter unserer Flagge, gibt es keine Redefreiheit mehr", kritisierte Parfjonow. Der Abschied des Starreporters markiert den ersten offenen Bruch innerhalb der 400-köpfigen Belegschaft, die bei ihren Protesten bisher an einem Strang zog.

Bisher gehörte der Sender, der im Gegensatz zu anderen Medien unter anderem kritisch über den von Russland geführten Tschetschenien-Krieg berichtete, dem Konzern Media-MOST des Unternehmers Wladimir Gussinski. Die russischen Behörden beschuldigen Gussinski, der sich nach Spanien abgesetzt hatte, umgerechnet rund 500 Millionen Mark (255,6 Millionen Euro) unterschlagen zu haben.

Ted Turner bemüht sich weiter um Beteiligung an NTW
Der Gründer des US-Nachrichtensenders CNN, Ted Turner, bemühte sich weiter um eine Beteiligung an NTW. Aus verhandlungsnahen Kreisen verlautete, Turner wolle noch am Wochenende einen Vertrag abschließen. Der Medienunternehmer hatte sich am Mittwoch mit NTW-Gründer Gussinski auf eine Übernahme eines Großteils der Anteile an dessen Media-MOST geeinigt. Am Freitag waren Schlichtungsgespräche zwischen Gasprom-Vertretern und der NTW-Belegschaft gescheitert. Der Kampf um NTW gilt als Bewährungsprobe für die Pressefreiheit in Russland. Gussinski und seine Anhänger sehen in der Übernahme von NTW eine von Putin betriebene Kampagne, den unbequemen Sender mundtot zu machen.

7.4.2001 17:09