Dienstag, 3. April 2001

NTW bisher mediale Gesicht des neuen Russland

Russlands größter privater Fernsehsender NTW hat nach monatelangem Kampf gegen den Kreml seine Unabhängigkeit an den staatskontrollierten Erdgasriesen Gasprom verloren.

NTW galt vielen bisher als das mediale Gesicht des neuen Russland. Durch seinen Mut zur Kritik revolutionierte er in den vergangenen acht Jahren die Rundfunkszene eines Landes, in dem eine unabhängige Berichterstattung bis heute nicht selbstverständlich ist. Als Mahner gegen den Tschetschenien-Krieg wurde NTW seit der ersten russischen Kaukasus-Offensive 1994 zum Dorn im Auge des Kreml. Die quasi-staatliche Übernahme könnte nun darauf abzielen, die unliebigen Staatskritiker im Sender mundtot zu machen.

Mit 110 Millionen Zuschauern und einer Reichweite, die sich über fast das gesamte russische Staatsgebiet bis hin ins Baltikum erstreckt, war der im Oktober 1993 gegründete NTW der einzige Privatsender, der dem einstigen sowjetischen Staatssender ORT ernsthaft Konkurrenz machen konnte. Westliches Design und Sendeformate lockten Millionen vor die Bildschirme. So stellte NTW erstmals Gerichtsprozesse nach. Für politische Furore sorgte neben der Tschetschenien-Berichterstattung eine Satiresendung, bei der Puppen nach dem Muster von "Hallo Deutschland" ranghohe Politiker verkörperten. Programm waren vor allem aber auch politische Reformen. Die liberale Linie des Senders machte sich dabei nicht an Menschen fest. Mal kritisierte der Sender Präsident Boris Jelzin, mal unterstützte er ihn, wie etwa bei der Präsidentschaftswahl 1996.

Unter Präsident Wladimir Putin wurde die Unabhängigkeit des Senders zunehmend hinterfragt. Moskau warf NTW vor, die Interessen von Medienzar Wladimir Gussinski zu vertreten. Der Sender war bisher das Flaggschiff von dessen Gruppe Media-MOST. Gegen Gussinski, der im spanischen Exil unter Hausarrest steht, läuft derzeit ein Auslieferungsantrag wegen angeblicher Unterschlagung von umgerechnet rund 3,52 Milliarden Schilling (256 Mill. Euro). Auch der im Juli 2000 geschaffene Rundfunkrat von NTW legte sich mit dem Kreml an. Dem Gremium, das die Unabhängigkeit des Senders gewährleisten sollte, steht der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow vor.

3.4.2001 19:08