"Meine Aufgabe ist erledigt"

Warum Karl Schlögl die Politik verlässt, warum er eigentlich nur als Minister glücklich war - und wo er landet. Der scheidende SPÖ-Politiker im NEWS-Interview:
NEWS: Sie steigen nach 26 Jahren als Berufspolitiker aus. Mit einer Träne im Knopfloch?
Schlögl: Ich habe in diesen Jahren sehr viel erreicht. Mehr als die meisten anderen und mehr, als ich mir selbst je erträumt habe – trotz aller Tiefen gab es eine Menge prägender Höhepunkte für mich.
NEWS: Können Sie die Höhen und Tiefen präzisieren?
Schlögl: Wirklich glücklich war ich als Bürgermeister von Purkersdorf und als Innenminister. Die Tiefpunkte: Ich wollte dreimal ernsthaft gehen. Nach dem tragischen Tod von Marcus Omofuma hatte Klima meine schriftliche Demission. Er hat sie nicht angenommen. Unmittelbar nach der Regierungsbildung hatte ich – im Gegensatz zu jetzt, wo ich vor dem Rücktritt mit niemandem ernsthaft geredet habe – tolle Jobangebote aus der Privatwirtschaft, die wirklich verlockend waren. Und dann wollte ich im vergangenen Herbst statt meines Wechsels in die Landesregierung lieber ganz gehen. Ich habe mich gefragt, ob ich mir das noch antun soll.
NEWS: Warum gehen Sie ausgerechnet jetzt, nachdem Sie sich die Landespolitik angetan haben?
Schlögl: Der Entschluss steht für mich persönlich schon lange fest. Aber ich wollte Michael Häupl nicht durch vorzeitige Bekanntgabe schaden. Geredet habe ich darüber nur mit meiner Frau und mit einigen persönlichen Freunden – mit niemandem aus der Politik, außer mit Franz Vranitzky.
NEWS: Würden Sie Vranitzky als Ihren engsten politischen Freund bezeichnen?
Schlögl: Er ist für mich mein politischer Vater. Bis heute gehe ich zu ihm, wenn ich privat oder beruflich Rat und Hilfe brauche. Er ist wirklich wie ein Vater zu mir, auch wenn ich manchmal – etwa in Sachen Verhältnis zur FPÖ – nicht immer ganz einer Meinung mit ihm war.
NEWS: Wie total wird Ihr Rückzug? Gehen Sie auch als Bürgermeister von Purkersdorf?
Schlögl: Ich habe nicht vor zurückzukehren. Aber man soll niemals nie sagen. Bis zum Ende der Wahlperiode 2005 bleibe ich jedenfalls Bürgermeister. Schließlich ist das meine erste politische Liebe. Die zweite, die absolut liebste Funktion, war mir die des Innenministers. Als ich die durch die neue Koalition verlor, war das der tiefste Einschnitt für mich.
NEWS: Wären Sie nach dem Fall Omofuma gegangen, wären Sie heute vielleicht SP-Chef und/oder Kanzler.
Schlögl: Das ist auch so eines der unausrottbaren Gerüchte. Das Innenressort war für mich das Wunschziel. Da war ich wirklich glücklich. Ich wollte nie eine andere Funktion als diese, obwohl mir das angeboten wurde.
NEWS: War Niederösterreich tatsächlich so hoffnungslos, dass Sie das Amt nur noch als Last empfunden haben – und jetzt die Konsequenz zogen?
Schlögl: Ganz im Gegenteil. Ich bin gegangen, weil meine Aufgabe erledigt ist: Die Landesorganisation ist schuldenfrei, die Jungen, die ich geholt habe, haben sich allesamt toll entwickelt – von Alfred Gusenbauer, was ja bekannt ist, über die Hoffnungsträger Heidemaria Onodi, Christa Kranzl bis Karin Kadenbach und vielen anderen. Dazu habe ich die SPÖ vom Kuschelkurs mit Erwin Pröll weggebracht – wir haben ihm im Land die Zähne gezeigt. Übernommen habe ich die SP-Landesorganisation bei 27 bis 28 Prozent. Laut allen Umfragen, auch nach denen der Landes-VP, liegt sie jetzt bei 35 bis 36 Prozent.
NEWS: Was hat Sie dann so frustriert, dass Sie ausgerechnet gehen, wenn Ihre Partei ganz offenbar im Aufwind ist?
Schlögl: Ich bin nicht frustriert. Aber das Wiener Wahlergebnis ist für mich die letzte Bestätigung: Die FPÖ kratzt politisch ab. Die SPÖ gewinnt, gewählt wird aber letztlich immer der Stärkere, der Amtsinhaber.
NEWS: Schlechte Voraussetzungen für Alfred Gusenbauer?
Schlögl: Das gilt in den Ländern. Im Bund schafft es Gusenbauer, die SPÖ von Tag zu Tag besser zu positionieren. Laut meinen Daten gewinnt er ständig dazu – schließlich war die SPÖ ja nicht die schwächere, sondern immer die stärkere Partei.
NEWS: Dann müsste die Politik ja Spaß machen. Mit Aussichten auf ein Regierungscomeback?
Schlögl: Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die ich in der Politik kennen gelernt habe, die eine intensive, tolle und vor allem intakte Beziehung haben, die mit den Jahren immer besser wird. Irgendwann will man nicht mehr jedes Wochenende unterwegs und im Urlaub dauernd per Handy erreichbar sein. Außerdem ist es für jemanden, der so lange in der Politik war, genauso faszinierend, einmal etwas völlig Neues zu machen, wie es Quereinsteiger reizt, Politik zu machen. Ich fühle mich jung genug, noch einmal völlig neu zu beginnen.
NEWS: Wohin wird Sie Ihr Querausstieg beruflich führen?
Schlögl: Das steht noch nicht fest. Dass ich als bekennender Rapidler nicht Austria-Präsident werden kann, weil ich da dem Michl Häupl ins Gehege käme, ist klar. Über ernsthafte Optionen habe ich weder mit Frank Stronach noch mit anderen geredet.
NEWS: Dazu gibt es Gerüchte, dass Sie zu Lotto-Toto oder zu den Casinos Austria wechseln könnten. Eine realistische Perspektive?
Schlögl: Noch einmal. Ich wollte meinen Rücktritt so planen, dass ich der SPÖ in Wien auf keinen Fall schade. Damit ist klar, dass ich nirgendwo Job-Inserate aufgeben konnte oder Bewerbungsgespräche geführt habe. Aber Sie können mir glauben: Die Firmen, die Sie da nennen, sind tolle Betriebe. Da würde sich jeder freuen, wenn er dort einen Job bekäme.
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