"Spielen eine Vorreiterrolle“

Gert AHRER, Personalchef der Telekom Austria, über Proteste, „aufgebauschte“ Probleme und Selbstmordstatistiken.
Format: Die Telekom-Mitarbeiter haben gegen die Vorgehensweise beim Personalabbau demonstriert. Sie
als Personalchef haben den Leuten erklärt: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Ihre Crew hat diese Ausdrucksweise angesichts von 5.000 Freistellungen und Kündigungen bis Ende 2002 nicht sehr goutiert. Ein etwas undiplomatischer Ansatz für einen Personalchef?
Ahrer: Ich war nur ehrlich. Die Telekom Austria AG ist die größte Industriebaustelle Österreichs, da geht es um eine der größten Umstrukturierungen der Wirtschafts-geschichte. Seit dem EU-Beitritt 1995 ist es nicht gelungen, das Unternehmen auf den Wettbewerb vorzubereiten. Jetzt müssen wir in einem einzigen Jahr sechs, sieben Jahre aufholen. Statt schrittweise jedes Jahr fünf bis zehn Prozent müssen wir jetzt eben dreißig Prozent des Personals abbauen.
Format: Man wirft den Telekom-Chefs Mobbing vor, Leute würden von heute auf morgen per E-Mail oder Brief freigestellt; andere, indem sie nicht mehr in ihr Büro, in ihren Computer hineinkommen. Selbst von Selbstmorden wird erzählt. Herrschen da japanische Zustände?
Ahrer: Solch extreme Fälle sind mir nicht bekannt; da wird viel aufgebauscht. Aber auch unsere rund neunhundert Führungskräfte stehen unter Druck. Wir sind deshalb gerade dabei, dem mit Schulungen – beispielsweise mit unserem Seminar „Licence to lead“, dem Führerschein für Führungskräfte – entgegenzuwirken. Ich verstehe schon, daß die Emotionen hochschwappen; inhaltlich verstehe ich die Aufregung aber nicht, weil Gewerkschaft und Betriebsräte den Sozialplan mitgetragen haben. Bis jetzt hat uns der Personalabbau immerhin mehrere Milliarden Schilling gekostet.
Format: Erfindet jemand Selbstmorde, um zu fanatisieren und Emotionen zu schüren?
Ahrer: Es gibt bedauernswerterweise zwei Selbstmorde, aber keiner davon hat etwas mit dem Mitarbeiterabbau bei der Telekom zu tun. Ein Betroffener war bereits in Frühpension, der andere hatte einen sicheren Arbeitsplatz, war nicht vom Abbau bedroht. Und: Bei 20.000 Mitarbeitern in unserer gesamten Unternehmensgruppe liegen zwei Selbstmorde etwas über dem österreichischen Schnitt, ein Selbstmord wäre sogar im Schnitt.
Format: Man wirft Ihnen vor, Sie bauten jetzt Personal ab, obwohl Sie noch gar nicht wissen, wo künftig welche Leute gebraucht werden. Wird da ein Pferd von hinten aufgezäumt?
Ahrer: Nein. Wir haben natürlich eine klare Vorstellung über die neue Organisation. Bis zum 1. Juli respektive bis zum 1. Oktober werden alle 3.000 Freigestellten informiert sein. Diese Leute gehen eben in Vorruhestand oder nehmen den Golden Handshake von im Schnitt 500.000 Schilling an. Wenn sie das nicht tun, dann erarbeiten wir andere Zukunfts-Perspektiven mit ihnen wie ihren Eintritt in die Arbeitsstiftung oder Outsourcing oder Personalleasing. Das Prozedere rundherum wird von den Führungskräften nach fixen Vorgaben abgewickelt.
Format: Wissen die Chefs eigentlich, ob sie künftig noch einen Telekom-Job haben werden?
Ahrer: Auch von den Führungskräften wird ein Teil gehen müssen. Diese Leute werden genauso von ihren Vorgesetzten informiert wie ihre Untergebenen.
Format: Was ist für Sie als Personalchef das größte Problem in der Telekom?
Ahrer: Wir sind börsennotiert, müssen privatwirtschaftlich führen, und gleichzeitig hat die Telekom noch immer 82 Prozent Beamte in ihrer Belegschaft. Beamte wurden aber für etwas anderes konzipiert – da brauchen wir jetzt eine neue Kultur.
Format: Die Telekom-Beamten halten sich für Versuchskaninchen der Regierung, die Zahl und Privilegien der Beamten reduzieren will.
Ahrer: Ich drücke es lieber so aus: Wir spielen eine Vorreiterrolle in Österreich.
Format: Es heißt, derzeit könnten rund 25.000 ISDN- und ADSL-Anschlüsse nicht hergestellt werden, weil Mitarbeiter fehlen. Wird der Großumbau mit solchen Störungen die Telekom nicht enorm viele Kunden kosten?
Ahrer: Diese Zahl entbehrt jeder Grundlage, zwischen Mitarbeiterabbau und Wartezeiten gibt es keinen Zusammenhang. Aber schauen Sie: Eine Stadt wird ja auch nicht in ein paar Wochen gebaut. Und das ist ja das Problem in so einer Umbauphase: Das Alte funktioniert nicht mehr, und das Neue funktioniert noch nicht. Aber wir werden versuchen, diese Phase so kurz wie möglich zu halten.

