Weitere US-Zinssenkungen erwartet

Das Ausmaß der Zinssenkung in den USA hat die Börsianer enttäuscht. Nach massiven Rückschlägen an der Wall Street startete auch die Börse in Frankfurt tief im Minus. Tokio erlebte dagegen eine regelrechte Kursrallye.
Anleger und viele Analysten hatten auf eine stärkere Hilfsaktion der US-Notenbank unter Alan Greenspan für die angeschlagene US-Wirtschaft und die Not leidenden US-Börsen gehofft. Der Offenmarktausschuss der Zentralbank hatte die Tagesgeldzinsen um 0,5 Prozentpunkte auf fünf Prozent und den Diskontsatz ebenfalls um einen halben Prozentpunkt auf 4,5 Prozent gesenkt.
Weitere US-Zinssenkungen - abhängig von US-Konjunktur
Nach der Senkung des Zielsatzes für Tagesgeld (Fed Funds Rate) am Mittwoch um 50 Basispunkte auf 5,00 Prozent rechnen Beobachter und Analysten mit weiteren Zinsschritten. So sieht Merrill Lynch den Zielsatz im August bei 4,00 Prozent und verweist am Mittwoch auf den fortbestehenden "easing bias" der Federal Reserve (Fed). Ähnlich aggressiv habe die Fed ihre Zinsen zuletzt vor 16 Jahren gesenkt. Erste vorsichtige Auswirkungen seien aber frühestens für Juli zu erwarten. Im TV-Sender CNBC haben sich am Dienstagabend (Ortszeit) auch einige ehemalige Fed-Gouverneure zu Wort gemeldet:
So erwartet Andrew Brimmer weitere Zinssenkungen und verweist zur Begründung auf die Aussage der Fed, sie sehe weiterhin das Risiko einer Rezession. Wer allerdings für Dienstag auf eine Senkung des Zielsatzes um 75 Basispunkt gehofft habe, der habe wohl übersehen, dass dies als eine Panikreaktion des Fed hätte gedeutet werden können. Dass die Fed die Lage weiterhin aufmerksam beobachten wolle, deute darauf hin, dass sie, falls erforderlich, auch vor ihrer nächsten Sitzung im Mai weitere Zinsschritte machen werde.
Susan Phillips sieht die im Vorfeld der FOMC-Sitzung gehegten Hoffnungen auf einen größeren Zinsschritt angesichts der realen wirtschaftlichen Situation als ungerechtfertigt an. Sie rechnet mit einer Verbesserung im Jahresverlauf, will aber eine weitere Zinssenkung im Frühjahr nicht ausschließen. Dies werde von in den nächsten Wochen zur Veröffentlichung anstehenden US-Konjunkturdaten abhängen. Die US-Wirtschaft befindet sich nach ihrer Aussage in einem Stadium der "Abbremsung", aber nicht in einer Rezession.
Lyle Gramley überlässt die Bewertung des für einige Akteure entäuschend kleinen Zinsschrittes den Märkten. Angesicht der im Verlauf des Dienstags deutlichen Verluste scheine es so, als habe die Fed zu wenig getan, sagte Gramley vor noch vor dem Börsenschluss in New York. Er glaube nicht, dass eine Senkung des Tagesgeldzielsatzes um 75 Basispunkte als Panikreaktion der Fed gedeutet worden wäre. Ein solcher Schritt hätte die Märkte sicher beflügelt und dazu geführt, dass die Investoren über den Tellerrand hinaus geschaut und dort eine wieder Fahrt aufnehmende Wirtschaft erblickt hätten. Das sei es, was jetzt gebraucht werde. Gramley rechnet nun für Mai mit einer weiteren Senkung um 50 Basispunkte und will, falls Marktreaktionen ausbleiben, auch einen Zwischenschritt der Fed nicht ausschließen.

