Dienstag, 20. März 2001

Wie Internet-Manager ihre Mitarbeiter feuern

Sie lassen Büros über Nacht ausräumen, versperren die Türen und verzichten auf Kündigungsschreiben: Mit rüden Methoden setzen Internetmanager in den USA überzählige Angestellte vor die Tür.

Den ganzen Urlaub schon hatte Bryan Rogowski sich auf den neuen Job gefreut, jetzt sollte es endlich losgehen: Doch an seinem ersten Arbeitstag bei eProject.com in Seattle schritt der junge Manager in ein leeres Büro. Eine Weile wanderte er zwischen Pappkartons und Kisten umher, dann traf er einen Kollegen, der ihn aufklärte: Fast 60 Prozent der Mitarbeiter hatten ihre Jobs verloren, darunter auch Rogowski. Sein Fehler: Vor Arbeitsantritt war er auf Europareise gegangen. So konnte ihm niemand Bescheid geben, befand das Unternehmen.

So oder ähnlich ging es in den letzten Monaten bei vielen Internetfirmen zu. Über 65.000 Mitarbeiter verloren seit Dezember 1999 in amerikanischen Online-Betrieben ihren Job, oftmals ohne Warnung, ohne Kündigungsschreiben und nicht selten ohne Abschiedsworte. Wie gefühllos Internet-Manager ihre Kollegen vor die Tür scheuchen, hat jetzt die New York Times dokumentiert.

Rund 50 der 250 Beschäftigten bei InfoSpace.com in Bellevue, Washington, erhielten beispielsweise eine E-Mail: Sie sollten sich in 15 Minuten zu einem Treffen in einem Hotel der Stadt einfinden. Dort erfuhren sie, dass ihnen gekündigt werde. Ihren Schreibtisch konnten sie nur nach Vereinbarung eines Termins räumen; zurück ins Bürogebäude kamen sie sonst nicht.

Roberto Fernandez hatte schon einen Job, bei InfoRocket in Manhattan. Doch nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub in Spanien saßen an den Tischen seines Teams komplett andere Leute. Eine halbe Stunde später erfuhr er, dass auch er gar nicht mehr hätte kommen brauchen. "Wir wollten ihm nicht den Urlaub verderben", entschuldigte sich Firmenchefin Beth Haggerty.

Und selbst "New York Times Digital" leistete sich bei der Entlassung seiner Mitarbeiter einen Faux-pas: Einige der 60 Entlassenen erfuhren von ihrem beruflichen Schicksal aus der "New York Times" oder von deren Website. "Das zeigt, wie unabhängig und objektiv unsere Nachrichtensammler vorgehen", so Sprecherin Lisa Carparelli. Ein schwacher Trost.

20.3.2001 16:59