WIEN-WAHL SPEZIAL

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Die Kreativität der Wien-Wähler
Trotz blauer Angstparolen fürchtet sich in Wien kaum jemand vor Rot-Grün. Dennoch zögert Bürgermeister Michael Häupl, mit den Stadtökos zu koalieren, weil das "Experiment" schiefgehen könnte. Die Sorge ist unbegründet: Viel würde sich nicht ändern.
Für Helene Partik-Pablé ist der Horror längst gelebte Realität. Für sie regiert in Wien die "linke Verschwörung, die wir uns nicht länger bieten lassen“, wie sie bei der Abschluß-Wahlkundgebung der Wiener FPÖ am Victor-Adler-Markt wetterte. Die Wiener wissen bereits von den Plakaten aus der blauen Wahlkampfwerkstatt, was damit gemeint ist: "Rot-Grün in Wien: Noch mehr Demonstrationen, Verkehrschaos, Ausländer rein."
Die Ängste der Freiheitlichen und ihrer Anhänger sind freilich völlig unbegründet. Die erste rot-grüne Hauptstadtregierung Österreichs ist nicht mehr als bestenfalls leise Zukunftsmusik. Wiens regierender Bürgermeister Michael Häupl, SPÖ, der sich zu Anfang des Wahlkampfs gerne beide Optionen offenhielt, zuckte in der Schlußphase doch merkbar zurück. "Ein allfälliges rot-grünes Experiment in Wien ist ja extrem zum Erfolg verdammt", sagte Häupl im "Standard". Wenn Rot-Grün in Wien scheitere, sei damit auch gleich ein gesamtes Zukunftsmodell perdu. "Häupl will die rot-schwarze Bequemlichkeit offenbar fortsetzen", ätzte der Grünen-Spitzenkandidat Christoph Chorherr prompt.
Häupl gegen Haider
Mit Erbitterung wird bei den Stadtökos registriert, wie die Genossen die letzte, heiße Phase des Wahlkampfs zum Match "Häupl gegen Haider" stilisierten. Damit sei zwar gelungen, die eigene Basis zu mobilisieren, automatisch habe aber Haiders blaue Truppe dadurch wieder an Bedeutung gewonnen. Damit war auch das Thema Rot-Grün versus Schwarz-Blau wieder vom Tisch, und die Grünen rückten an den Rand des Wahlkampfgeschehens.
Dramatisches Finale
Helle Empörung war die logische Reaktion. So kann sich der grüne EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber, ein prononcierter Befürworter von Rot-Grün, gar nicht genug echauffieren über "Häupl, der immer noch glaubt, mit den alten Antworten punkten zu können". Die Nervosität der Grünen hatte gute Gründe: In allen Umfragen waren sie in der letzten Woche wieder leicht in der Wählergunst gesunken, während die FPÖ deutlich stieg. Das bestätigt auch Ifes-Forscherin Imma Palme: "Von der Zuspitzung der letzten Wochen haben SPÖ und FPÖ am meisten profitiert." Auch die internen Umfragen der Parteien zeigen dieses Bild: Sogar von einer absoluten Mandatsmehrheit für die Wiener SPÖ (44,6 Prozent) war wieder die Rede.
Umgekehrt wird gemunkelt, Bernhard Görg könnte nach einem Wahldebakel entnervt das Handtuch als ÖVP-Chef werfen. Das wiederum hebt die Chancen für Rot-Grün in Wien – das reden sich zumindest die Grünen in internen Strategiesitzungen ein. Denn Häupl wisse genau, daß er nur mit dem konsensorientierten Görg so bequem regieren könne. Umgekehrt wäre ein allzu stark gewordener SPÖ-Bürgermeister Häupl auch kein sympathischer Partner für die Ökotruppe. Die Chancen, eigene Ideen durchzusetzen, wären minimal. Trotzdem, so meinen Kenner der Kommune, würden die Grünen auch dann auf eine Koalition mit der SPÖ drängen.
Gemischte Gefühle
Aber nicht nur die Wiener Grünen wären am Ziel ihrer Wünsche – auch Alfred Gusenbauer wäre mehr als entzückt. Denn der SPÖ-Chef und sein Team gelten als absolute Befürworter von Rot-Grün. Sie wollen ein Gegenmodell zur Schüssel-Regierung aufbauen und nie wieder in die Zwangslage kommen, keine Regierungsalternativen zur ÖVP zu haben.
Genau umgekehrt ist die Gefühlslage bei den Grünen: Parteivorsitzender Alexander Van der Bellen hält skeptische Distanz. Van der Bellen, der Häupl bereits in der Öffentlichkeit ein "Machtfossil" geschimpft hat, argwöhnt, der gefinkelte Rote könnte mit den Grünen nur Scheinverhandlungen führen und sie als Mehrheitsbeschaffer mißbrauchen. Dafür dürften sich die Wiener keinesfalls hergeben, heißt es aus Van der Bellens Umgebung.
Die Angst vor "Chaos City" hält sich in Wien jedenfalls in Grenzen. "Die Zustimmung zu Rot-Grün ist genauso hoch wie zu Rot-Schwarz", konstatiert Ifes-Forscherin Palme. Die Angstkampagnen der FPÖ hätten in diesem Fall nicht gegriffen. Vergleicht man die Programme der beiden Parteien, würde sich für Wien tatsächlich nicht allzuviel ändern.
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