Sonntag, 25. März 2001

Neue Indizien belasten Horst Binder

Neue Indizien belasten Haiders Leibwächter Horst Binder in der Spitzelcausa. Ein neuer Zeuge macht die Authentizität seiner handschriftlichen Notiz auf dem Brief an Jörg Haider einmal mehr wahrscheinlich. Und der U-Richter fürchtet: "Man will mich versetzen."

Horst Binder liebt den Villacher Fasching. Doch auch für den leidenschaftlichen Faschingsnarren hört sich jeder Spaß einmal auf. "Die Sache mit dem Brief wäre ja vielleicht eine ganz schöne Parodie für den Fasching. Ich weiß nicht, wie oft ich noch sagen muß, daß ich mit dem Brief nichts zu tun habe."

Der Wiener Schriftsachverständige Christian Grafl kommt in seiner Expertise bekanntermaßen zu einem anderen Schluß. Auch er hat jenen an Jörg Haider adressierten "Binder-Brief" untersucht, der bei einer Hausdurchsuchung im Oktober vergangenen Jahres im Keller des AUF-Polizisten gefunden wurde. Sein Schluß: Ein handschriftlicher Vermerk im linken oberen Eck auf der Rückseite des Briefs stammt wahrscheinlich von Binder. Bei der mit blauem Kugelschreiber niedergeschriebenen Notiz handelt es sich nach FORMAT-Recherchen um die Telefonnummer des FPÖ-Vizebürgermeisters von Ferndorf in Kärnten, Harald Kastner.

Alte Bekannte
Das Pikante dabei: Sowohl Kastner als auch Binder bestätigen gegenüber FORMAT, einander gut zu kennen. Nicht nur das: Der FPÖ-Funktionär Kastner gibt auch an, daß er von Binder erstmalig ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt angerufen wurde, der in etwa mit dem Datum auf dem Poststempel des umstrittenen Briefes übereinstimmt. Kastner: "Das ist sicher schon fünf oder sechs Jahre her." Zur Erinnerung: Der mit "Sg. Herr Bundesparteiobmann, lieber Jörg" betitelte Brief von Binder, dem illegal zwei Ekis-Ausdrucke über einen russischen Geschäftsmann beigelegt waren, soll laut Poststempel am 23. Jänner 1995 aufgegeben worden sein. Eine Erkenntnis, die auch schon die Mitglieder der Sonderkommission ausrücken ließ.

Kastner: "Die Herren von der Staatspolizei haben mich ohnehin schon besucht. Mir ist eingefallen, daß Binder mich damals wegen einer konkreten Angelegenheit kontaktiert hat. Wir haben natürlich dann öfter miteinander geredet, das ist ja Gott sei Dank nicht verboten."

Drittes Gutachten
Verboten ist es nicht. Gemeinsam mit dem neuen Schriftgutachten verdichten sich damit aber die Indizien, daß der Binder-Brief vielleicht doch keine Fälschung ist. Schließlich scheint es mit den Angaben Kastners nun doch mehr als nur "wahrscheinlich", daß die Notiz auf der Rückseite des belastenden Schreibens tatsächlich von Binder ist.

AUF-Polizist Binder sieht das anders:
"Erstens irrt sich meiner Meinung nach der Herr Gutachter darin, daß sich der geprüfte Vermerk auf der Rückseite des sogenannten Binder-Briefes befindet. Zweitens sagt Grafl nur, daß der Vermerk vielleicht von mir ist. Drittens haben schon zwei Gutachter bewiesen, daß weder der Brief noch die Unterschrift von mir ist."

Wie sich Binder dann erklärt, daß durch eine Verkettung fast unglaublicher Zufälle ausgerechnet seine Handschrift auf den kompromittierenden Brief kommt? Der Leibwächter: "Ich kann das nicht sagen." Dafür hat der niederösterreichische FP-Landesrat Ewald Stadler eine Erklärung: "Vielleicht hat man einen Zettel, den Binder schon beschrieben hat, benutzt, um ihn zu belasten."

Staatsanwaltschaft will 3. Gutachter
Trotzdem überlegt die Staatsanwaltschaft Wien nun, einen dritten Graphologen zu bestellen, um endlich Klarheit über das derzeit wohl umstrittenste Schriftstück der Zweiten Republik zu bekommen. Der zuständige Staatsanwalt Michael Klackl: "Ich muß mir das neue Gutachten zum Binder-Brief erst anschauen. Wenn es Widersprüche zum Muckenschnabel-Gutachten gibt, ist selbst ein Auftrag für ein drittes Gutachten denkbar."

Spitzelaufdecker Josef Kleindienst will statt eines dritten graphologischen Gutachtens lieber eine kriminaltechnische Untersuchung des Schreibens: "Ich fordere, daß man in einer kriminaltechnischen Untersuchung analysiert, wie alt der Brief
ist. Denn wenn das Alter des bedruckten Papiers mit dem Aufgabedatum übereinstimmt, dann weiß man wohl endgültig, daß der Brief keine Fälschung ist".

Lesen Sie mehr über den Binderbrief und welche Konsequenzen die Bestätigung der Echtheit für das einfache Parteimitglied Jörg Haider hätte, in der aktuellen Ausgabe von FORMAT.

25.3.2001 09:28