Donnerstag, 22. März 2001

NEWS: Kirch will in Österreich einsteigen

Die Spitzen von Kirch- und RTL-Gruppe verhandelten bei einem Treffen die Zukunft des deutschen Privat-TV. Es ging um viele DM-Milliarden: Formel-1-Rechte, Fußball-WM, Film- und Serienverkäufe en gros. Am Rande kamen „Peanuts“ zur Sprache: also Österreich.

Ein Insider: „Es wäre übertrieben zu sagen, dass Konkretes besprochen wurde. Aber: Beide Seiten befinden sich in einem Nachdenkprozess über Österreich. Man hat sich ausgetauscht …“

Der „Nachdenkprozess“ ist für Österreichs Medienzukunft freilich höchst spannend. Denn:

 Leo Kirch, Europas größter Film- und Fernseh-Tycoon, denkt ernsthaft über einen Einstieg beim künftigen österreichischen Privat-TV nach. Und:

 Die Kirch-Gruppe überlegt, eine Bewerbung für die private – dritte – Senderkette gemeinsam mit der RTL-Gruppe abzugeben.

Ein Insider: „Gedacht ist an ein gemeinsames ,Best of‘-Programm. Die besten Serien, Filme, Talkshows und Sportrechte der deutschsprachigen Privatsender – bewusst österreichisch gestaltet, mit österreichischen Partnern.“

Mit diesem „Nachdenkprozess“ der deutschen Privat-TV-Giganten kommt Dampf ins lustlos wirkende Rennen um die österreichischen Privat-TV-Lizenzen.

Noch vor dem Sommer will die ÖVP/FPÖ-Regierung ihr neues ORF-Gesetz, gepaart mit dem Privatfernsehgesetz, beschließen. Wichtigster Punkt: Eine komplette Senderkette wird für ein drittes Programm freigemacht. Jeder Österreicher kann dann neben ORF 1 und ORF 2 auch ein Privatprogramm via Antenne empfangen.

Ausgeschrieben wird diese dritte TV-Lizenz im Herbst. Sendestart könnte Anfang 2002 sein. Bisher galt Privat-TV in Österreich als wenig attraktiv: Der ORF besitzt alle wichtigen Film-, Sport- und Serienrechte. Er hat darüber hinaus die meiste Werbezeit aller europäischen TV-Anstalten, erhält Milliardengebühren und ist bei den Einschaltquoten so erfolgreich, dass für einen Privaten minimale Chancen bleiben.

So hat bisher nur der schwer defizitäre Wiener Kabelsender ATV sein Interesse an der dritten Frequenz angemeldet. Der Mini-Sender, der im letzten Jahr nur 29 Millionen Schilling an Werbegeld erlöste (für ein österreichweites Privat-TV sind jährlich mehr als 1 Milliarde Einnahmen nötig), gilt dem ORF als angenehme, weil völlig ungefährliche Konkurrenz.

Geführt wird ATV vom deutschen Filmhändler Herbert Kloiber. Kloiber befindet sich derzeit sowohl mit Kirch als auch mit RTL im „Medien-Krieg“.

Vor allem bei Kirch gilt die Devise: „Bevor in Österreich der Kloiber zum Zug kommt, machen wir es lieber selber …“

Tatsächlich befinden sich sowohl Kirch als auch RTL beim Privat-TV in Österreich in einer absoluten Win-Win-Situation.

 Im Gegensatz zu Kloibers ATV erlösen sowohl die Kirch- als auch die RTL-Gruppe über ihre Österreich-Fenster im Kabel überraschend viel Geld. Die Kirch-Sender PRO 7, SAT.1 und Kabel 1 kassierten bei der österreichischen Werbewirtschaft im vergangenen Jahr bereits 620 Millionen Schilling. Die RTL-Gruppe brachte es mit RTL und RTL 2 auf weitere 405 Millionen.

Heißt: Kirch und RTL nehmen in Österreich bereits über 1 Milliarde Werbegeld ein – mehr, als ein Privatsender braucht.

 Zusätzlich würden sowohl Kirch als auch RTL bei einem von ihnen gesteuerten österreichischen Privat-TV ordentlich an den Lizenzen für Filme, Serien und Sport verdienen. Weit über 500 Millionen Lizenzkosten würden somit zu den beiden größten Rechtehändlern fließen.

 Wichtiger Nebeneffekt: Ein ernsthaftes Privat-TV würde in Österreich die Fernsehrechte generell verteuern. Der ORF müsste dann mit einem Privaten für Fußball-WM, Formel 1, aber auch für Filme und Serien um die Wette bieten. Experten schätzen, dass sich diese verteuerten Rechte für den ORF mit über 500 Millionen zu Buche schlagen – zum Nutzen von Kirch und RTL.

Der ORF stünde vor dem Super-GAU: weniger Werbegeld dank neuem Gesetz, weniger Seher dank Privat-TV, aber doppelt so teure Rechtekosten – zu zahlen an die direkte Konkurrenz.

„Noch“, sagen Insider auf beiden Seiten übereinstimmend, „ist nichts konkret. Erst muss das Gesetz in vollem Text vorliegen, dann muss man die Rahmenbedingungen kennen, dann muss man wissen, wie der ORF eingeschränkt wird – und dann erst denken wir konkret nach.“

Seit der Entscheidung, Gerd Bacher samt „Weisenrat“ die Zukunft des ORF bestimmen zu lassen, bekommen die Gedanken freilich Flügel. Denn es gibt keinen Medienmacher Österreichs, den Kirch höher schätzt als Bacher. Kirch: „Bacher ist der Beste!“

22.3.2001 11:31