Freitag, 23. März 2001

Die albanische Frage ist auf dem Balkan unbeantwortet

Die seit fast 90 Jahren unbeantwortete albanische Frage auf dem Balkan bleibt weiter offen: Obwohl die Albaner mit deutlich über sechs Millionen Menschen eines der größeren Völker in dieser Region stellen, leben sie doch zersplittert in verschiedenen Staaten.

Doch das immer wieder als Gespenst an die Wand gemalte Großalbanien wird nur von einer Minderheit verfolgt. Denn die Zersplitterung der Siedlungsgebiete und die Aufspaltung der Albaner in kleine Clans und Sippen hat die Ausbildung eines gemeinsamen ethnischen Bewusstseins verzögert. Die Historiker sprechen von einer "verspäteten Nationswerdung".

Albanien kann sich nicht als albanisches "Stammland" etablieren
Die "Mutterrepublik" Albanien, in der mit 3,2 Millionen die meisten Angehörigen dieser Nation wohnen, hat sich zu keinem Zeitpunkt als Magnet für die außerhalb wohnenden Volksteile entwickelt. Im Gegenteil. Seit seiner Unabhängigkeit 1913 immer wieder von Serben, Griechen, Italienern und Deutschen besetzt, blieb der neue Staat das "Armenhaus Europas". Der Gegensatz zwischen den beiden Volksgruppen der Gegen und Tosken, die Jahrzehnte lange Isolation des Landes unter dem kommunistischen Dogmatiker Enver Hoxha und der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung Ende der 90er Jahre ließen das Land in Hoffnungslosigkeit versinken.

Den benachbarten albanischen Brüdern im Kosovo ging es vor allem wirtschaftlich besser, nicht zuletzt Dank mehrerer Hunderttausend Gastarbeiter in Deutschland und der Schweiz. Doch auch hier blieb die Gesellschaft in Familien-Clans aufgespalten und von den Serben massiv unterdrückt. Nach zahlreichen Aufständen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wanderten Hunderttausende - oft unter Zwang - in die Türkei aus. In den ersten Jahrzehnten des zerbrochenen jugoslawischen Vielvölkerstaats wurde "im Kosovo ein Regime von Terror und Ausbeutung errichtet", sagt der kroatische Kosovo-Analytiker Branko Horvat. "Die Albaner wurden als zivilisatorisch niedriger und als feindliches Element behandelt".

Albaner fühlen sich hinter "Staatsvölker" zurückgesetzt
Wie im Kosovo, so beklagten auch die Albaner im benachbarten Mazedonien und Montenegro traditionell ihre Zurücksetzung durch das slawisch-mazedonische beziehungsweise slawisch-montenegrinische "Staatsvolk". Sie galten als oft verachtete Minderheit, deren Sprache nicht anerkannt war, die keine eigene Schulen besaß und die kaum an der Staatsverwaltung oder am offiziellen Wirtschaftsleben beteiligt wurde. Erst Anfang der 90er Jahre mussten die Mazedonier und Montenegriner in winzigen Schritten eine zunehmende Beteiligung der Albaner am öffentlichen Leben zulassen.

Die Zersplitterung des Volkes hat die Ausbreitung der großalbanischen Idee in weiten Bevölkerungskreisen verhindert. Im Zweiten Weltkrieg erhielt der Traum vom Großalbanien konkrete Nahrung, nachdem die italienischen und deutschen Besatzer erstmals Albaner-Gebiete im Kosovo, in Mazedonien und Nordgriechenland mit der Republik Albanien vereinigt hatten. Im Dezember 1999 hatten dann die Spitzenpolitiker der Albaner in Albanien, Mazedonien und im Kosovo vereinbart, "ein Programm für gemeinsame Aktionen auszuarbeiten". "Wir wollen sicherstellen, dass sechs Millionen Albaner auf dem Balkan gemeinsam auftreten", hieß es nach dem Gipfeltreffen in Tirana.

23.3.2001 09:30