Sonntag, 18. März 2001

Superstars in Dornbirn

"Wetten, dass..." ist wie - meistens - das wahre Leben: wirklich spannend oder lustig nur selten, aber doch eine angenehme Mischung. Es könnte ewig so weiter gehen. Samstag abend feierte die Show ihren 20. Geburtstag.

Eines haben sie alle gemeinsam, die Fernsehmythen, die derzeit große Jubiläen feiern wie der "Tatort" (wurde letztes Jahr 30 Jahre alt), "Die Sendung mit der Maus" (wurde am Sonntag 30 Jahre alt) oder "Wetten, dass..." (wurde am Samstag 20): Ihre Geburt fällt noch in jene ferne Vorzeit der Mediengeschichte, als es nur die berühmten drei Programme gegeben hat und jede, aber auch jede Sendung mehrere Millionen Zuschauer sicher hatte.

Damals konnten sich Sendungen noch als gesamtgesellschaftlicher Gesprächsstoff etablieren. Sollten "tv total" oder "Big Brother" jemals zweistellige Geburtstage feiern, wird der viel Trubel geringer ausfallen, weil die Zielgruppen inzwischen viel kleiner sind. Die sprichwörtliche "ganze Familie" sitzt nie davor.

Die "Wetten, dass..."-Jubiläumsausgabe am Samstagabend mit Thomas Gottschalk, seinem Vorgänger (1981- 1987) und Format-Erfinder Frank Elstner als Co-Moderator sowie einem Kurzauftritt von Interims-Lösung (1992- 1993) Wolfgang Lippert verzichtete auf die durchaus naheliegende Selbstbeweihräucherung, um sich der Beweihräucherung der Gäste zu widmen, die seit jeher das A und O der deutschen Fernsehshow ist: Prominente stellen ihr neues Produkt vor und lassen sich dafür auch auf Spielchen ein.

Zuerst kam Iris Berben, weil Peter Maffay schon letztes Mal bei "Wetten, dass..." war und vermutlich nächstes Mal auch wieder da sein wird. Gottschalk plauderte mit ihr über ihr neues Buch, weil er alles andere schon bei früheren Gelegenheiten mit ihr beplaudert hatte. Sagte er selbst. Die leichte Frechheit gegenüber nicht ganz so großen Stars und die Selbstironie, derer es bedarf, um derlei PR halbwegs anständig über die Bühne zu bringen, hat Gottschalk natürlich locker drauf. Nur bei Sender-Cross-Promotion nicht: Als zweiter Gast kam Komiker Olli Dittrich in der Rolle eines strunzdummen Boxers, um auf seine eigene ZDF-Show aufmerksam zu machen. Iris Berben wurde gebraucht, um gute Miene zu Dittrichs schaurigen Humorversuchen zu machen.

Gegenüber Weltstars wiederum besitzt Gottschalk die Devotheit, derer es bedarf, damit auch künftig Kaliber wie Kevin Costner - der zur Berlinale höchstens noch kommt, wenn er zugleich eine Goldene Kamera mitnehmen kann - mal rasch ins österreichische Dornbirn jetten.

Wie genau Gottschalk schaltet und waltet, ist eigentlich egal. Spielregeln und Wetteinsätze bestimmt er inzwischen offenbar persönlich: Die Berben hätte Bauerntheater spielen müssen, hätte sie verloren, Dittrich hätte seiner Perücke die Haare abschneiden müssen. Kevin Costner hat verloren und musste zur Strafe erst einen Schlag Minigolfen und dann ein Stückchen eines Tortenstücks essen. Was soll's?

Die merkwürdigen Rituale befremden so wenig wie der Unsinn, den Gottschalk beim Plaudern seines Smalltalks verzapft. Wir hätten in Deutschland ja immer irgendwelche Krisen, etwa wegen der Computer (?) oder der Inder (??), ließ er Costner wissen. Aber Filme können Bewusstsein verändern. Ah ja. Rod Stewart hatte die neu ausgekoppelte Single aus seinem neuen Album für den Showblock mitgebracht. Ob der schottische Sänger und Celtic-Glasgow-Fan allerdings nochmal wieder kommen wird, nachdem der deutsche Moderator ihn als englischen Manchester-Fan angesprochen hat? Da hätte Gottschalk eher Elton John fragen müssen, der allerdings genau wie Phil Collins durch seine kurzfristige Absage die Qualität des Showprogramms ein wenig angehoben hatte...

Auch nicht leicht ist es, das Wesen der Wetten in Worte zu fassen. Die unspektakuläre "deutsche Auswendiglern-Wette" jedenfalls, die Gottschalk bei der Jubiläums-Pressekonferenz am Mittwoch in Hamburg ins Reich der Vergangenheit und Elstners verwiesen hatte, leibt und lebt: Eine Kandidatin konnte "Maus-Spots" - gemeint waren die kurzen Zeichentrick-Filme, die in der "Sendung mit der Maus" wohl immer noch zwischendurch laufen - an der Tonsspur erkennen. Sie bewies dies, indem sie den Tonspuren Titel zuordnete, die "Maus"-Zuschauer aber gar nicht kennen können. Was soll's?

Es gibt ihn noch

Der "Wetten, dass..."-Thrill, den die Meinungsbildner von heute aus der Kindheit kennen - es gibt ihn trotzdem immer noch. Und er beruht immer noch darauf, dass das Fernsehvolk selbst Ideen einbringt. Irgendwelche kaufmännische Angestellte haben wirklich unterhaltsamere Einfälle als sie auf Prominenten-Golfturnieren in Malibu oder in Mainzer Unterhaltungs-Redaktionen geboren werden, in denen ja längst die Leute hocken, die auf der Durchreise von Endemol zu Kirch sind. Dass ihn Janet Jackson bei Gottschalk geküsst hat, wird Kevin Costner wohl kaum in Hollywood herum erzählen. Dass man in Deutschland Bierflaschen mit Motorsägen öffnet, schon. Oder dass Passagiere einen Bus auch ohne Motorkraft fort bewegen können. Undsoweiter.

Solange es der Show gelingt, sich rar zu machen - die nächste Ausgabe folgt im Oktober - kann "Wetten, dass..." die eine Sendung im deutschen Fernsehen bleiben, die man nicht gesehen haben muss, um aus der Bild-Zeitung, die man nicht gelesen haben muss, trotzdem zu erfahren, dass Sabrina Setlur bei Gottschalk nicht über Boris Becker gesprochen hat. Das letzte regelmäßig ausgestrahlte Fernsehereignis eben.

18.3.2001 16:11

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