150.000 Menschen auf dem Zocalo

Zehntausende Mexikaner haben die Indiorebellen der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN) bei ihrem Einzug in die Hauptstadt gefeiert. Höhepunkt war die Großkundgebung vor rund 150.000 Menschen.
Mit der Großkundgebung auf dem Zocalo, dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, endete eine 3000 Kilometer lange zweiwöchige Tour durch Mexiko, in deren Verlauf "Subcomandante Marcos" und 23 weitere Anführer der Guerilla für ihre Ziele geworben hatten. Als Hauptredner bekräftigte "Marcos" die Forderung nach Gleichberechtigung der indianischen Ureinwohner und griff erneut Präsident Vicente Fox an.
Auf dem Zocalo, dem größten Platz des amerikanischen Kontinentes, herrschte Volksfeststimmung. Verschiedene linke Gruppen, Gewerkschaften, Schwulen- und Lesbenorganisationen gaben sich über Transparente zu erkennen, und die Dachterrassen der umliegenden Hotels waren bis zum letzten Platz mit Schaulustigen besetzt. Fliegende Händler boten die als Markenzeichen der Rebellen bekannten schwarzen Sturmhauben und T-Shirts mit "Marcos"-Konterfeis an. Und natürlich durften die historischen Fotos des Revolutionshelden und Namensgebers der Bewegung, Emiliano Zapata (1879-1919), nicht fehlen, der 1914 mit einer Bauernarmee kurzzeitig Mexiko-Stadt besetzt hatte.
Anders als Zapata stürmten die "Neozapatisten" aber den Zocalo nicht hoch zu Ross, sondern fuhren auf einem offenen Lastwagen ein. Begleitet von Sprechchören wie "E-Z-L-N"- und "Zapata lebt, der Kampf geht weiter" reihten sich die 24 Männer und Frauen auf einer Bühne mit dem Rücken zum Nationalpalast auf, der einst von den Spaniern auf den Trümmern der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan errichtet worden war. Als Marcos zu sprechen begann, war der Platz allerdings immer noch nicht lückenlos gefüllt. "Marcos" mobilisierte weniger Menschen als sein politischer Widersacher Fox im vorigen Juni bei seiner Abschlusskundgebung als Präsidentschaftskandidat.
"Marcos" bekräftigte die Forderung der Zapatisten nach einer umgehenden Verabschiedung eines Gesetzes über Autonomierechte für die zehn Millionen indianischen Ureinwohner. Dem Präsidenten Fox, der den Entwurf längst dem Kongress zugleitet hat und dessen Polizei einen reibungslosen Ablauf der "Zapatour" garantierte, warf "Marcos" vor, den Indios nicht zuhören zu wollen. "Mexiko, erlaube nicht, dass noch einmal die Sonne aufgeht, ohne dass in dieser Flagge ein Platz für uns, die wir die Farbe der Erde tragen, ist", schloss "Marcos", der selbst kein Indio ist, seine Rede in seiner bekannt poetischen Art.
Die Rebellen wollen jetzt so lange in Mexiko-Stadt bleiben, bis der Kongress das Indio-Gesetz verabschiedet hat. Mit ihm sollen die 62 indianischen Ethnien Mexikos formell als Völker anerkannt werden. Das frühere Ziel ihrer Integration wird aufgegeben. Ihre traditionellen Sitten und Gebräuche sollen bei der Rechtsprechung und der Wahl ihrer Autoritäten anerkannt und ihre Sprachen dem Spanischen gleichgestellt werden. Das Gesetz beruht auf einem 1996 zwischen der früheren Regierung und der EZLN unterzeichneten Abkommen, das aber nie in Kraft gesetzt wurde.
Die Zapatisten hatten sich am 1. Jänner 1994 gegen Armut und Unrecht im südöstlichen Bundesstaat Chiapas erhoben. Trotz ihrer militärischen Schwäche erlangten sie politisches Gewicht, weil ihre Forderungen allgemein als legitim anerkannt wurden.
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