Montag, 12. März 2001

In vielen Gemeinden Kopf-an-Kopf-Rennen

Bei den Kommunalwahlen in Frankreich ist die Linke den Hochrechnungen zufolge in Paris in Führung gegangen. Danach erhielt der sozialistische Kandidat Bertrand Delanoe rund 32 Prozent der Stimmen.

Der Kandidat der neo-gaullistischen RPR, Philippe Seguin, holte rund 23 Prozent. Damit hoffen die Sozialisten auf einen Sieg bei der Stichwahl am kommenden Sonntag, um erstmals seit 130 Jahren den Bürgermeister von Paris zu stellen.

Für den konservativen Präsidenten Jacques Chirac (RPR) würde dies eine herbe Niederlage bedeuten. Die Kommunalwahlen gelten als Test für die Präsidentenwahl im kommenden Jahr, bei der Chirac wahrscheinlich gegen Ministerpräsident Lionel Jospin von den Sozialisten antritt. Landesweit gab es den Hochrechnungen zufolge in vielen Gemeinden ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Zur Wahl standen landesweit die Bürgermeisterposten in rund 36.600 Städten und Gemeinden. Die Entscheidung wird zumeist am 18. März bei der Stichwahl fallen, da vielerorts kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichte. Auch in Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, rechneten sich die Sozialisten bei der Stichwahl gute Chancen aus. Sie dürften vielfach mit den Grünen zusammengehen. In Bordeaux dagegen wurde der konservative frühere Regierungschef Alain Juppe bereits im ersten Wahlgang als Bürgermeister bestätigt.

Insgesamt vier Minister der rot-grünen Regierung von Premierminister Jospin scheiterten in der ersten Runde an konservativen Bürgermeistern oder müssen aus ungünstiger Position in eine Stichwahl. In Straßburg überrundete überraschend die konservative UDF-Politikerin Fabienne Keller die amtierende sozialistische Oberbürgermeisterin Catherine Trautmann knapp.

Die extreme Rechte mit der Nationalen Front erlitt in Toulon ein Niederlage, während sie in Orange an der Macht blieb.

Nach den Hochrechnungen über den Wahlausgang in Paris, die der Fernsehsender France 3 veröffentlichte, entfielen auf den Amtsinhaber Jean Tiberi rund 17 Prozent der Stimmen. Tiberi trat als unabhängiger Kandidat an, nachdem ihn seine Partei RPR wegen einer Korruptionsaffaire hatte fallen lassen. Die Grünen kamen auf rund 14 Prozent.

Delanoe sagte, die Wähler in Paris hätten für die Chance auf eine demokratische Erneuerung der Stadt gestimmt. Er rief die Grünen, die Jospins Regierungskoalition angehören, auf, ihn beim zweiten Wahlgang zu unterstützen. Paris war lange eine konservative Hochburg, seit den Tagen der Commune im Jahr 1871 gab es in der Hauptstadt keinen linken Bürgermeister. Chirac war dort von 1977 bis 1995 Bürgermeister.

Der Sprecher der RPR, Patrick Devedjian, sagte mit Blick auf das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen RPR und Sozialisten in vielen Städten und Gemeinden, die "rote Welle", die in aller Munde gewesen sei, sei ausgeblieben. Letzten Umfrage-Ergebnissen vor der Wahl zufolge lagen Sozialisten, Kommunisten und Grüne in der Wählergunst knapp vor der RPR und der zentristischen UDF.

Insgesamt waren 40 Millionen Franzosen zur Wahl aufgerufen. Die Wahlbeteiligung lag Schätzungen der Meinungsforschungsinstitute zufolge zwischen 66 und 68 Prozent und damit etwas niedriger als bei der Kommunalwahl im Jahr 1995.

Erstmals war in Gemeinden mit mehr als 3500 Einwohnern bei den Kandidatenlisten eine 50-prozentige Frauenquote vorgeschrieben. Gewinne für die Linke gab es bei den gleichzeitigen kantonalen Wahlen.

12.3.2001 07:46