Trotz des Türkei-Booms bleibt Italien heiß begehrt

Reisebüros und - veranstalter können nach mageren Jahren heuer wieder mit volleren Kassen rechnen. Denn die Österreicher verspüren eine neue Lust am Reisen. Als Trendland Nummer eins entpuppt sich dabei immer mehr die Türkei.
Nach mageren Jahren beschert des Österreichers neue Reiselust den Reisebüros wieder volle Kassen. Touristiker prophezeien ein zehnprozentiges Plus für das heurige Jahr. Sparpaket hin oder her: Die Österreicher zieht es weiter in Richtung Sonne, Strand und Meer.
Ein Kluburlaub in der Türkei – das ist der Reisewunsch, den die Touristiker heuer so oft wie noch nie hören. Und sie klopfen auf Holz, daß nicht wieder politische Unruhen oder ein Erdbeben diesen Run zunichte machen. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch Fernziele wie Ägypten und Tunesien. Etwas nachgelassen hat dagegen Griechenland. Auch Spanien hat
als Urlaubsland bei den österreichischen Touristen schon bessere Zeiten erlebt. Mit Ausnahme der Kanarischen Inseln sind für heuer so gut wie keine Zuwächse zu erwarten. Liebstes Urlaubsziel bleibt aber Italien. Jeden vierten Österreicher zieht es regelmäßig zum südlichen Nachbarn. Dorthin reist allerdings der Großteil per Auto und auf eigene Faust. Zur Mißbilligung der Reiseagenturen, an denen dieses Geschäft spurlos vorübergeht.
Türkei als Shooting-Star
Das rege Interesse an der Türkei freut vor allem Gulet Touropa (GTT), eine 75prozentige Tui-Tochter. Mit einem Marktanteil von siebzig Prozent bei Reisen an den Bosporus ist der Veranstalter unangefochtener Platzhirsch in Österreich. Marketingboß Gürsel Erel: „Wir rechnen für diesen Sommer mit einem zwanzigprozentigen Zuwachs in diesem Bereich. Damit kommen wir heuer allein bei Reisen in die Türkei auf einen Umsatz von 2,1 Milliarden Schilling.“ Mit eher bescheidenen Steigerungen rechnet der Veranstalter demgegenüber in Griechenland. Dort wäre man bereits mit drei bis vier Prozent Wachstum zufrieden. Bei der Destination Spanien scheinen GTT selbst solche Zuwächse überhöht.
Auch Mitbewerber Neckermann, die Nummer zwei der heimischen Reiseveranstalter, setzt heuer voll auf die türkische Riviera. Neckermann-Österreich-Chef Franz Tobisch: „Dieses Jahr ist die Türkei unser Shooting-Star.“ Tobisch glaubt auch zu wissen, warum: „Die Türkei hat von allen Reisezielen das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Und die Auswirkungen der kurdischen Aufstände sowie des Erdbebens haben sich gelegt.“
Fallende Türkei-Währung
Der niedrige Kurs der türkischen Lira wird die hohe Nachfrage nach Bodrum und Antalya wohl noch zusätzlich anheizen. Vor zwei Wochen sank der Wert der Lira gleich um über ein Drittel. Franz Tobisch: „Für alle, die nicht all inclusive fahren, wird der Urlaub in der Türkei dadurch äußerst attraktiv. Vom gemieteten Auto bis zum kühlen Bier an der Bar ist alles um mehr als ein Drittel billiger geworden. Die beste Zeit auch, um Teppiche zu kaufen.“
Wer aber glaubt, die Reisearrangements seien nun ebenfalls günstiger, irrt. Denn die großen Reiseveranstalter schließen die Verträge mit den Partnern vor Ort in Hartwährung ab.Und das mit gutem Grund. Gulet-Marketingboß Gürsel Erel: „Ich bin 1978 nach Österreich gekommen. Da hat man für eine türkische Lira einen Schilling bekommen. Seitdem hat sie ständig an Wert verloren.“
Deutsche Dominanz
Immer mehr Reiseveranstalter und -büros verschwinden wegen der beinharten Preiskämpfe von der Bildfläche. Letzte Konsequenz: zusperren oder geschluckt werden. Zuletzt traf es die Ökista. Der Reiseveranstalter, bis vor kurzem noch Österreichs Flaggschiff für junges Reisen, wurde von der Schweizer STA Travel Group übernommen. Itas und Karthago mußten bereits vor längerer Zeit zusperren. Und GTT ist seit voriger Woche über Tui zu 75 Prozent in deutscher Hand. Die Fusion war ein Megadeal, der die europäische Kartellbehörde beschäftigte. Cem Kinay, der ehemalige Fünfzig-Prozent-Eigner von GTT, hat seine Anteile an Gulet verkauft und ist jetzt Chef von Magic Life, das mit 23 Klubs einen Umsatz von 1,6 Milliarden Schilling erwirtschaftet. Ruefa Reisen wurde vom Eigentümer Bawag an die Bayerische Landesbank verkauft. Und Kuoni fusionierte vor sieben Jahren mit der deutschen Neckermann.
Tickets per Internet
Und auch das Internet haben die Reiseveranstalter als neue Spielwiese des Vertriebs entdeckt. So bietet ITS-Reisen Tickets seit kurzem direkt über das Internet an. Ein Service, den die AUA schon länger bereitstellt. Zwar nützen erst zwei Prozent der AUA-Flieger dieses Angebot, doch die Tendenz ist stark steigend. AUA-Sprecher Johann Jurceka: „In den USA buchen bereits dreißig bis vierzig Prozent über das Internet. Das Web ist eine Möglichkeit, die wir Fluglinien nützen müssen. Das fordert schlichtweg der Markt.“
Kaum ein anderer Bereich scheint geeigneter für den Vertrieb im Netz als das Reisegeschäft. Bisher werden online etwa vier Prozent umgesetzt. In den nächsten fünf Jahren soll sich diese Zahl aber vervierfachen. Auch Geschäftsreisen, die immerhin 2,36 Millionen Buchungen jährlich ausmachen, spielen für Internetreiseportale wie etwa den Österreichpionier tiscover.at eine wichtige Rolle. Meist fährt der Reisewillige auf diese Art billiger. Allerdings nicht immer. Ein Preisvergleich der Arbeiterkammer hat ergeben, daß Hotelbuchungen über das World Wide Web manchmal bis zur Hälfte teurer sind als über Katalog.
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