Sonntag, 11. März 2001

Bald nur noch Oldies und Remixes downloadbar?

Die US-Justiz hat zwar auf eine Schließung von Napster verzichtet, doch aufgrund des stark begrenzten Musikangebots drohen der weltgrößten Internet-Musiktauschbörse jetzt die Mitglieder abhanden zu kommen. Letzte Hoffnung: der deutsche Medienriese Bertelsmann.

Wieder einmal ist es Napster-Gründer Shawn Fanning gelungen, den Kopf im letzten Moment noch aus der Schlinge zu ziehen: US-Bezirksrichterin Marilyn Patel ließ sich von Fannings redlichen Absichten noch einmal überzeugen und verfügte vergangene Woche, daß die von vielen bereits totgesagte Gratis-Musiktauschbörse nicht geschlossen werden muß.

Der Preis für den lebensverlängernden Richterspruch: Napster mußte sich verpflichten, die von den Plattenlabels aufgelisteten Musiktitel binnen 72 Stunden aus der Datenbank zu entfernen.

Geht Napster an verärgerten und zu wenigen Usern zu Grunde?
Gesichert ist die Zukunft von Napster damit natürlich noch lange nicht. Im Gegenteil, der Überlebenskampf hat gerade erst begonnen. Diesmal sind es allerdings nicht die Plattenfirmen, die Napster zum Verhängnis werden könnten, sondern ironischerweise die sechzig Millionen Fans selbst, die den erfolgreichen Onlinedienst überhaupt erst zum Leben erweckt haben. Sie sind über das dezimierte Musikangebot derart verärgert, daß sie der Tauschbörse mit der Aufkündigung der Treue drohen.

Geschrumpftes Repertoire
Innerhalb von nur einer Woche hat Napster den Zugriff auf mehr als zwei Millionen Musikdateien in seinem Verzeichnis blockiert. Davon sind vor allem die Top-hundert-Singles und die Top-zweihundert-Alben der Billboard-Charts betroffen, die naturgemäß die höchsten Downloadraten erzielen. Die Information, auf welchem User-Rechner diese Titel kostenlos heruntergeladen werden können, ist von Napster mittels spezieller Filtersoftware unterdrückt worden. Bald wird das Repertoire von Napster nur noch aus Oldies, Remixes und Interpreten bestehen, um deren Copyright sich niemand kümmert.

Chance für die Napster-Klone
Schon wittern alternative Anbieter wie Gnutella oder Aimster ihre Chance. Im Gegensatz zu Napster setzen diese Anbieter allerdings auf dezentrale Systeme. Aus gutem Grund: Sie können von der Musikindustrie nur schwer überwacht werden und nutzen dabei auch so manche Gesetzeslücke.

Das aufsehenerregendste Projekt hat kürzlich der Kanadier Matt Goyer vorgestellt: Er will auf der ausrangierten Ölplattform Sealand vor der Küste Englands einen Napster-Klon betreiben. Goyer über seine Beweggründe: "Es macht mich traurig, daß Napster sich dem Druck der Plattenlabels beugt. Wir werden Musiktausch wie bei Napster fortführen, dort, wo uns die Musikindustrie nicht erreicht." Der 21jährige Informatikstudent benötigt allerdings für die Miete auf Sealand jährlich 15.000 US-Dollar. Das Geld will er durch Spenden von enttäuschten Napster-Usern aufbringen.

Letzte Chance: Bertelsmann
Die sechzig Millionen User sind neben der Filesharingtechnologie zweifellos das wertvollste Asset von Napster. Daher muß Fanning die Napster-Fans so lange bei Laune halten, bis die Gratis-Musiktauschbörse in ein kostenpflichtiges Musikportal umgewandelt ist. Das dürfte nach bisherigen Plänen allerdings frühestens im Juli dieses Jahres der Fall sein.

Das weiß auch der deutsche Medienriese Bertelsmann, der Napster im Oktober vergangenen Jahres einen Kredit über fünfzig Millionen Dollar gewährt hatte – mit der Option, die Forderung später in eine Beteiligung umzuwandeln. Voraussetzung für diese Kapitalspritze war Fannings Zusage, Napster gemeinsam mit Bertelsmann in einen kostenpflichtigen Dienst umzuwandeln. So sollen Mitglieder künftig je nach Menge der Downloads eine monatliche Gebühr zwischen 2,95 und 9,95 Dollar zahlen – einen Betrag, um den man heute im Handel nicht einmal eine Musik-CD bekommt.

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11.3.2001 14:05